Montag, 29. Juli 2013

Die Kinder aus der „22 de Abril“

Ein Zimmer in einer der sichersten Zonen der Stadt, ein Stipendium aus Deutschland, ein Masterstudium an einer der renommiertesten Privatuniversitäten Mittelamerikas, „ist das El Salvador?“, frage ich mich. Es ist El Salvador, daran besteht kein Zweifel. Aber ist es das El Salvador der großen Mehrheit? Das El Salvador in dem knapp die Hälfte der Bevölkerung von weniger als 1$ pro Tag lebt, in dem 40% der Kinder arbeiten müssen um ihre Familie zu unterstützen? Ist es das El Salvador in dem ein Viertel der Landbevölkerung keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat und wo 15,5% der Kinder unterernährt sind? Gewiss nicht! Auch wenn ich in meinem kleinen Leben hier nicht sonderlich großspurig auf den Putz haue, auch wenn ich keine Waschmaschine besitze und meine Wäsche jeden Samstagvormittag im Hof von Hand wasche, kann ich kaum verleugnen, dass meine Lebensumstände doch sehr denen einer kleinen, reichen Oberschicht gleichen. Auch am Ende des Monats reicht mir das Geld für zwei warme Mahlzeiten am Tag und dank meiner Auslandskrankenversicherung muss ich nicht in Existenzängste geraten wenn ich einmal krank werde. „Kein Selbstbehalt“, heißt es in der Versicherungspolice. Die 45€ werden mir monatlich bequem vom Konto abgebucht.

Wenn es in einer Gesellschaft viele Arme und einige Reiche gibt, läuft notwendigerweise irgendetwas falsch. Solch eine Situation kann nur zustande kommen wenn die Reichen, auf welche Art auch immer, auf Kosten der Mehrheit des Volkes leben. So drückt es mein Geschichtsprofessor Rodolfo Cardenal aus, übrigens ein Neffe des nicaraguanischen Dichters und Befreiungstheologen Ernesto Cardenal. Hier läuft also etwas falsch. Diese These gilt gewiss nicht nur für El Salvador oder die sogenannten Entwicklungsländer, sondern für die Welt als Ganze, doch dies ist ein anderes Thema.

Doch wo ist dieses El Salvador der nach Gerechtigkeit dürstenden und nach Brot hungernden Massen zu finden? Zu abgeschottet sind die „sicheren“ Wohnviertel derer die können, zu schrill die Werbetafeln der gigantischen Konsumtempel „Multiplaza“ und „La Gran Vía“. Will man das sehen, was keiner sehen will, muss man genau hinsehen, hingehen. Ich will sehen um zu verstehen. 

Seit einiger Zeit bin ich in Kontakt mit einem deutschen Dominikanerpater, der bereits seit über 30 Jahren in El Salvador lebt und mit einer Radikalität und Entschlossenheit an der Seite der Armen kämpft, wie ich es nur bei wenigen Menschen erlebt habe. Das Engagement von Padre Gerardo begann bereits in den ersten Jahren des Bürgerkriegs, als er in den Flüchtlingslagern in Honduras und Guatemala arbeitete. Mittlerweile hat er ein breites Netz von Institutionen und Projekten aufgebaut, darunter Schulen, Gesundheitsposten, Kindergärten und eine Ökofarm. Alle Projekte folgen einer empowernden und ressourcenorientierten Pädagogik, die der Lebenswelt der Menschen hier entspricht.

Es ist 9.00 morgens, die Sonne brennt bereits auf die Backsteinfassaden der Häuser in der „Colonia 22 de Abril“ in Soyapango, einer dichtbevölkerten Vorstadt von San Salvador. An diesem Vormittag will ich die „Escuela bajo cielo“, die „Schule unter freiem Himmel“ besuchen, eines der Projekte des Padre. Von der Bushaltestelle an der Avenida, gehe ich die schmale Hauptstraße hinauf, die durch das gesamte Viertel führt. Obwohl mir Lidia, die Projektleiterin am Telefon versichert hatte, dass es in der letzten Zeit recht ruhig zugeht und ich daher den Weg von der Bushaltestelle problemlos alleine gehen kann, lege ich einen Schritt zu und nehme den direkten Weg zum Büro der Projektleitung, wo sich auch die kleine öffentliche Bibliothek der Colonia befindet. Es ist augenscheinlich, dass das hier nicht mehr mein ruhiges Antiguo Cuscatlán und auch nicht das kunterbunte Stadtzentrum ist. Hier weht ein anderer Wind, der Wind der „Mara Salvatrucha“ oder auch MS-13, eine der gefährlichsten und gewalttätigsten Banden der Welt.

Die Maras in Mittelamerika

An dieser Stelle ist ein kurzer Exkurs nötig. Die Bandenkriminalität ist eines der gravierendsten Probleme der Gesellschaften Mittelamerikas. Mordanschläge, Schutzgelderpressungen und Raubüberfälle lähmen immer wieder weite Teile des öffentlichen Lebens und versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Es handelt sich jedoch um weit mehr als eine erhöhte Kriminalitätsrate. Die Bandenproblematik Mittelamerikas ist ein gesellschaftliches Phänomen, das an den Grundfesten der Demokratie und der aktuellen Gesellschaftsordnung rüttelt. Eine eindeutige Erklärung für Ursache und Ursprung des Problems gibt es nicht, es gibt jedoch Theorien. 

Es war wohl in den 70er und 80er Jahren als sich marginalisierte Jugendliche, hauptsächlich Einwanderer aus Mittelamerika und Mexiko in den Armenvierteln von Los Angeles, USA, in Straßengangs organisierten. Neben kleineren Delikten wurden sie nach und nach in den Drogenhandel verwickelt. Es begangen sich verschiedene Gruppen herauszubilden, die sich gegenseitig anfeindeten und ihre Territorien verteidigten. Raub, Mord und Racheakte waren an der Tagesordnung. Zwei Gangs wurden auf diesem Wege am einflussreichsten: das „Barrio 18“ (La 18) auf der einen Seite und die „Mara Salvatrucha“ (MS-13) auf der anderen. Beide bestanden zu einem Großteil aus salvadorianischen Einwanderern, die vor dem Bürgerkrieg geflohen waren und sich in den Vereinigten Staaten ein besseres Leben erhofft hatten, vergeblich. 

Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1992 wurden mehr und mehr Bandenmitglieder in ihre Heimatländer abgeschoben. Traumatisiert von der Kriegserfahrung, ohne Familie, Arbeit und Perspektiven war die Gang für viele die einzige Hoffnung. Hier erfuhr man Anerkennung, Sicherheit und Zusammenhalt. Die alten Strukturen begannen sich in El Salvador neu zu etablieren. Die Mitglieder waren längst keine Jugendlichen mehr und widmeten sich zunehmend dem organisierten Verbrechen, Drogen-, Waffen- und Menschenhandel. Die alten Feindseligkeiten zwischen der „18“ und der „MS“ verschärften sich. Beide wollten die Oberhand gewinnen. Die Folge waren und sind bis heute blutige Auseinandersetzungen zwischen beiden Seiten, die sich inmitten einer sich demokratisierenden Gesellschaft abspielen. Im Jahr 2006 lag die Mordrate in El Salvador pro 100.000 Einwohner bei 56,2, die höchste der Welt. Zum Vergleich, weltweit waren es im gleichen Zeitraum 8,8 und auf selbst dem amerikanischen Kontinent „nur“ 19,3 Morde pro 100.000 Einwohner. Ein schreckliche Realität, die sich nur schwer in Statistiken begreifen lässt.

Auch in jüngster Zeit finden die Banden stetigen Zulauf besonders unter Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren. Weshalb? Nach wie vor sind die Zukunftsperspektiven für Jugendliche hier in El Salvador oft sehr schlecht. Mangelhafte Schulbildung, Armut, Gewalterfahrungen tun ihr übriges. Hinzu kommt, dass viele Familien zerrüttet sind, Eltern oder Elternteile in die USA ausgewandert sind, um ihren Kinder, die meist zurück bleiben, ein besseres Leben zu ermöglichen. Die „Mara“, wie man die Gangs hier nennt, bietet den Jugendlichen nach wie vor vermeintlich alles was sie brauchen: Geborgenheit, Anerkennung, Geld und vor allem eine Identität. Wer einer „Mara“ beitritt wird Teil einer Familie. Auch, wenn es innerhalb der Gangs eine strenge Rangordnung gibt, kennen die Solidarität und der Zusammenhalt keine Grenzen. Die Mitglieder identifizieren sich voll und ganz mit ihrer Mara. Am sichtbarsten ist dies an den Tätowierungen, die die Mitglieder am ganzen Körper, oft auch im Gesicht tragen. Eintätowierte Totenschädel, Kampfparolen oder eine große 13 oder 18 lassen einen jedes Mitglied sofort seiner jeweiligen Mara zuordnen. 

Aus diesem Grund verlassen viele Gangmitglieder auch kaum ihr eigenes Stadtviertel. Ein Ausflug ins Zentrum könnte leicht tödlich enden, läuft ihnen ein Mitglied der gegnerischen Mara über den Weg. Andernfalls würden sie sofort von den Sicherheitskräften verhaftet werden, die seit Jahren verzweifelt mit allen Mitteln gegen die Bandenproblematik anzukämpfen versuchen und ihrer nicht Herr werden. In ihren Vierteln sind „Mareros“ quasi absolut sicher. Ihre Feinde trauen sich dort nicht hin und auch die Polizei und das Militär betreten bestimmte Stadtbezirke nicht. Somit werden gewisse Viertel komplett von den Banden kontrolliert. Sie sorgen dort für Ruhe und Ordnung, und wer sein Schutzgeld bezahlt und sich mit keinem Bandenmitglied anlegt hat kaum etwas zu befürchten. Seit dem vergangenen Jahr hat die Regierung als Vermittlerin einen Waffenstillstand zwischen dem „Barrio 18“ und der „Mara Salvatrucha“ ausgehandelt, um die Situation immerhin annähernd in den Griff zu bekommen. Die Mordrate ist seitdem geringfügig gesunken und auch die Sicherheitskräfte werden bis zu einem gewissen Maß wieder geduldet. Ganz lässt sich das Problem wohl in nächster Zeit nicht aus der Welt schaffen. Es ist zu viel Geld und zu viel Macht im Spiel. Die Maras kontrollieren nahezu den kompletten Drogenfluss, der aus Südamerika kommt und in die USA und weiter nach Europa fließt.






Leben in der "22 de Abril"

Die „Colonia 22 de Abril“ in Soyapango ist fest in der Hand der „Mara Salvatrucha“. Früher gab es wohl auch eine Untergruppe der „18“ im Viertel, diese wurde jedoch restlos ausgelöscht. Ich erreiche das Büro von Padre Gerardo und werde dort von Lidia herzlich empfangen. Die beiden Lehrerinnen der „Escuela bajo cielo“ sind schon da und bereiten die Materialen vor. An diesem Tag ist ein kleines Fest anlässlich des Welttages der Umwelt geplant.

Die „Escuela bajo cielo“ ist ein offenes Freizeitangebot für Kinder aus dem Viertel. Die Idee ist es den Kindern in ihrer Freizeit eine sinnvolle Beschäftigung anzubieten und sie so vor schlechtem Umgang zu bewahren. Es gibt Materialien zu vielen Themen. Die Kinder dürfen spielen, lesen, malen, basteln, zu was sie eben gerade Lust haben, alles unter der Aufsicht von zwei ausgebildeten Erzieherinnen. Die „Schule“ wandert alle drei Monate an einen anderen Ort, öffentliche Plätze, Parks, in der Colonia, so haben alle Kinder die Möglichkeit teilzunehmen. Außerdem gibt es entsprechend dem Schulstundenplan eine Vormittags- und eine Nachmittagsgruppe.

Das Kinderfest soll heute auf dem kleinen Sportplatz am oberen Ende des Viertels stattfinden. Mit den beiden Lehrerinnen mache ich mich auf den Weg. Einige Jugendliche begegnen uns auf der Hauptstraße, einem steht die 13 in großen Ziffern mitten ins Gesicht geschrieben. Einfach ruhig weitergehen und ignorieren, das hat man mir hier immer wieder eingetrichtert. Alleine sollte ich hier nicht unterwegs sein, denn jeder Unbekannte macht sich sofort verdächtig, das bedeutet hier Lebensgefahr. Mit den beiden Lehrerinnen habe ich allerdings nichts zu befürchten, denn die Projekte sind von der „Mara“ anerkannt und kommen schließlich auch deren Kindern zugute. 

Wir bahnen uns den Weg durch die engen Gässchen und Stück für Stück schließen sich uns immer mehr Kinder an, die mich zunächst neugierig beäugen und dann mit Fragen durchlöchern. Am Sportplatz ist bereits die kleine provisorische Bühne aufgebaut und der Zaun mit Luftballons und von den Kindern gemalten Bildern dekoriert. Heute sind etwa 25 Kinder gekommen, die teilweise bereits für ihre Rollen in den kleinen Sketchen und Stücken verkleidet und geschminkt worden waren. Die ganz Kleinen aus dem Kindergarten des Viertels sind auch zu Besuch gekommen. Das Spektakel kann beginnen. Die Kinder haben die Geschichten selbst erfunden und das Bühnenbild in den Tagen zuvor mit Hilfe der Erzieherinnen gestaltet. Mit viel Freude und Enthusiasmus sind sie bei der Sache und erzählen beispielsweise die Geschichte vom Leben einer Blechdose, sie singen und tanzen gemeinsam. Am Ende gibt’s für alle Süßigkeiten und Eis. Ismael ist bis über beide Ohren mit Schokoladeneis verschmiert, strahlt mich an und meint, „lass uns Fußball spielen“. Die ganze Meute, Jungs und Mädchen stürzt sich auf den Ball. Dazwischen wird Seil gehüpft und Mangos vom benachbarten Baum stibitzt. Eine glückliche Kindheit, könnte man meinen. 






Wendy, eine der Lehrerinnen, erklärt mir jedoch, dass die meisten der Kinder aus Familien von Bandenmitgliedern kommen und Gewalt von klein auf zu ihrem Alltag gehört. „Die größeren unter ihnen, die zwölf- und dreizehnjährigen haben selbst schon die ersten Verbindungen zur Mara“, meint sie bedrückt. Wer aus einer Zone wie der „22 de Abril“ kommt hat in El Salvador wenig Chancen. Das Bildungsniveau ist niedrig, die Armut groß und die meisten potentiellen Arbeitgeber laden einen nicht einmal zum Vorstellungsgespräch ein, wenn sie lesen, dass ein Bewerber aus einer bestimmten Gegend kommt. Was bleibt ist die Mara.

Das Fest ist zu Ende. Die Kinder spielen noch und am Rand des Spielfelds versammeln sich einige Jugendliche. Ich spreche kurz mit ihnen, stelle mich vor, gebe ihnen drei meiner übrigen Bonbons ab. Einer von ihnen, kaum älter als 16 und von hagerer Gestalt, ist der zuständige „Marero“, der auf dieses Gebiet „aufpasst“, wie mir Wendy später erklärt. Es kommen mehr und mehr Jugendliche. Wendy und ihre Kollegin packen die Materialen zusammen und bedeuten mir mitzukommen. Wir verabschieden uns von den Kindern und machen uns auf den Rückweg zum Büro. Wendy klärt mich auf: „Immer wenn sie sich so versammeln, heißt das, dass sie etwas vorhaben. Manchmal nehmen sie auf dem Sportplatz neue Mitglieder auf, dann hören wir nur die Schläge und Schreie oder an den Nachmittag gibt es hin und wieder Schusswechsel mit der ‚18‘ die das Viertel auf der anderen Seite des Flusses kontrolliert. Wenn so etwas passiert signalisieren sie uns immer, dass wir nun besser gehen sollten, da sie nicht wollen, dass uns etwas zustößt.“ 

Die Aufnahmerituale der „Mara Salvatrucha“ sind berüchtigt. Das neue Mitglied, das in der Regel zuvor eine Feuerprobe, zumeist ein Mord oder Raubüberfall, bestehen musste, wird in die Mitte eines Kreises gestellt. Der Bandenchef zählt langsam bis 13 und die übrigen „Mareros“ schlagen und treten in der Zwischenzeit wie wild auf den Neuling ein bis dieser winselnd am Boden liegt. Von diesem Zeitpunkt an ist er ein vollwertiges Mitglied der Mara. Er hört auf als Individuum zu reden, zu handeln und zu leben. Sein Leben ist von nun an die Mara. Er setzt sein Leben ein für die Mara und nicht wenige verlieren es dabei. Im Gegenzug verteidigt die Mara bis aufs Blut das Leben jedes ihrer Mitglieder. Ist man einmal in die Mara aufgenommen, ist der einzige Weg hinaus der Tod. Kaum ein Mitglied schafft es sich wieder von der Bande loszusagen. Nicht wenige, die es versucht haben, wurden von ihren eigenen Gangkollegen als Verräter hingerichtet. Für die Zivilbevölkerung ist das alles jedoch etwas weniger dramatisch. Hier gilt, wer sich an die Spielregeln hält, die die Mara vorgibt, lebt ziemlich sicher und wird sogar noch beschützt.

Die Maras in Mittelamerika haben sich zu einem unbezwingbaren Monster entwickelt, zum Krebsgeschwür einer kranken Gesellschaft. Die Gangmitglieder sind zum Einen Opfer eines gescheiterten Systems und einer nicht verarbeiteten Vergangenheit auf der Suche nach einem Leben, das die Gesellschaft ihnen stets verwehrt hat. Zum Anderen sind sie Täter, eine Kraft die die Gesellschaft nicht zur Ruhe kommen lässt und jeden Fortschritt im Keim erstickt. Lösungen und mögliche Auswege werden seit Jahren im gesamten politischen und gesellschaftlichen Spektrum diskutiert, von Massenverhaftungen über den Waffenstillstand bis hin zu Rehabilitationsprogrammen. Die Gesellschaft in El Salvador muss ihren Weg in den Frieden letztlich selbst gehen und auf diesem Weg noch viele Wunden heilen. Die Mareros selbst erkennen immer öfter, dass dies nicht das Leben ist, das sie sich für ihre Kinder wünschen. Was bleibt ist den Frieden vorzuleben in der Schule, der Familie und im öffentlichen Leben und zu hoffen, dass die Spirale der Gewalt sich irgendwann nicht mehr weiter dreht.

Wir verstauen die Materialien wieder im Büro und ich verabschiede mich für diesen Tag. Die Lehrerinnen bleiben noch, um die nächsten Einheiten vorzubereiten und ich versichere den Weg zur Bushaltestelle alleine gehen zu können. Ich trete ins Freie, als zwei halbstarke Jungs die Hauptstraβe hinaufkommen, mit nackten Oberkörpern und im provokanten, ausladenden Gang der Mareros. Ich halte die Luft an, nicht hinsehen. Sie gehen vorbei, ohne mich zu beachten, gesehen haben sie mich. Als ich mich ablenken will, fällt mein Blick auf die Hauswände. Sie sind voller Graffitis. In riesigen, verzierten Lettern steht dort „Mara Salvatrucha“, weiter vorn „MS-13“. Auf diese Weise markieren die Gangs ihr Revier. Ein unwohles Gefühl ergreift mich plötzlich. Ich will einfach nur noch hier raus.



Nur 45 min. später steige ich in Antiguo Cuscatlán, oben am Fuβgängerzugang der UCA aus dem Bus und trete wieder wie in eine andere Welt. Die Fastfoodrestaurants sind voller Studenten, es ist Mittagszeit, stattliche Limousinen mit getönten Scheiben schieben sich durch die Straβen. Selbst die Luft scheint eine andere zu sein, oder ist es nur weil ich wieder atmen kann?

Mir ist nun klar, wie nie zuvor, dass laengst nicht alle Menschen in dieser Stadt diese Luft atmen koennen. Mir ist auch klar, dass El Salvador fuer die grosse Mehrheit keineswegs lateinamerikanisches Lebensfreude bedeutet, sondern blanke Angst ums taegliche Ueberleben. Was ich in der "22 de Abril" erleben durfte war eine einschneidende Erfahrung. Eine Erfahrung, die mich den Menschen in El Salvador ein gutes Stueck naeher gebracht hat, die mich vieles besser verstehen liess. Verstehen ist die notwendige Voraussetzung fuer jedes verantwortungsvolle Handeln.

Samstag, 8. Juni 2013

Auf dem Campus und den Straßen...

Still wars hier auf dem Blog in der letzten Zeit. Einen Monat ist seit meinem letzten Eintrag über Guatemala vergangen und gut 2 Monate seit den letzten News aus San Salvador. Zeit für Neues!
Die höllische Hitze hat hier mittlerweile etwas abgenommen, was einen die Luft wieder atmen lässt. Stattdessen zerreißen immer häufiger rollende Donner den wolkigen Himmel und wie aus dem Nichts prasseln Wolkenbrüche vom Himmel, natürlich immer genau dann, wenn ich meinen neu erstandenen Regenschirm nicht zur Hand habe. 
Die Uni nimmt mich zur Zeit ziemlich in Beschlag. Ende des Monats geht das erste Semester zu Ende. Die Zeit fliegt nur so vorbei. Eine Hausarbeit nach der anderen steht deshalb gerade an. Ich genieße förmlich die Momente, die ich nicht vor meinem Laptop verbringe, daher auch die längere Blog Pause.
Seit 4 Monaten lebe ich nun hier in San Salvador, an der geschäftigen Calle del Mediterráneo, direkt neben der UCA in Antiguo Cuscatlán. Aus meiner kleinen Studentenbude breche ich jeden Morgen aus und mache mich auf den Weg zu meiner Fakultät. Brauchte ich anfangs keine 5 Minuten bis dorthin, schaffe ich es nun kaum mehr unter einer halben Stunde bis ich in der Bibliothek sitze. "Hey Nachbar, wie gehts?", ruft mir die Besitzerin der Pescadería von nebenan zu. 20 Schritte weiter reißt mich Doña Viky aus meinen Gednaken: "Adios! Nicht mal grüßen tun Sie heute! Alles Gute!" und lacht schallend. Es folgt ein Intermezzo im Copy-Shop, der Small-Talk mit dem Uni-Pförtner, vorbei an der Cafetería, wo die Señora bereits seit 6.30 fleißig bedient. Dann zielstrebig Richtung "Centro Monseñor Romero", fast bin ich da. In der Bibliothek warten schon Hugo, Oscar und Evelin hinter dem Tresen und grüßen freundlich und unter 5 Minuten ist auch hier nichts zu machen.
Lebensgefühl pur! Es ist schön, durch die Straßen zu gehen die mich vor einigen Wochen noch laut lärmend anschwiegen und nicht mehr fremd zu sein. Ich bin angekommen!

Der erste große Auftritt im Auditorium "Ignacio Ellacuría"

Abendessen auf dem Vulkan mit Aussicht auf die Stadt

Auch außerhalb des Studiums ist recht viel passiert in der letzten Zeit. Seit einigen Wochen gebe ich mein bestes den Tenor im Chor der UCA zu verstärken. Kaum dabei, hatten wir bereits eine Vielzahl von Auftritten, Messen, Abschlussfeiern, Festakte. 
Ausgehend von verschiedenen Veranstaltungen zum Thema Bergbau, Umwelt und Entwicklung hier an der UCA habe ich mit einigen StudentInnen gemeinsam SomosTutal gegründet ("Tutal" ist Nahuat, die fast vergessene Sprache der hiesigen Azteken und bedeutet "Unsere Erde"), eine Aktionsgruppe die sich auf lokaler Ebene mit globalen Themen wie Bergbau, Wasserknappheit, Klimawandel und Entwicklung beschäftigt. Unser vorläufiges Ziel ist es unter den Studierenden der UCA ein Bewusstsein für aktuelle Probleme hier in El Salvador und der Welt zu wecken. Derzeit gibt es keinen Bergbau in El Salvador, kanadische Minengesellschaften sitzen jedoch bereits  auf heißen Kohlen und warten nur darauf in der Provinz Cabañas Gold im Wert von 400 Mio. US$ abzubauen. Da beim Goldabbau notwendigerweiße Quecksilber eingesetzt wird, besteht akute Gefahr für den Río Lempa (Fluss), der Süßwasserquelle für ca. 90% der Bevölkerung El Salvadors. Der Fluss ist bereits stark verschmutzt durch Minenprojekte in Guatemala und Honduras, wo der Lempa entspringt. Aktuell sind lediglich 2% des Trinkwassers in El Salvador sauber und nicht betroffen von der Verschmutzung durch Quecksilber, Arsen etc., 2% für man galonen- oder flaschenweiße teuer bezahlt. Neue Bergbauprojekte scheinen vor diesem Hintergrund absurd. Dabei rechnet man jedoch nicht mit dem Geschick der multinationalen Minenunternehmen, die den Menschen den Bergbau mit allen Mitteln schmackhaft machen. Goldminen bringen Arbeit, Infrastruktur, Entwicklung für die Region und das Land. Das Wirtschaftswachstum wir ganz von alleine dafür sorgen, dass der Überschuss auch bei den Armen ankommt. Das alte Lied, die alte Lüge des Neoliberalismus. Vergessen wird dabei, dass ein Unternehmen nie Überschüsse produziert, sondern Gewinne sofort in weiteres Wachstum investiert. Vergessen wird auch, dass die Korruption (übrigens eine Krankheit nicht nur der Politker der "Dritten Welt" sondern des großen Kapitals) dafür sorgt, dass die Gewinne in dunklen Kanälen versickern bevor sie beim Volk ankommen. Vergessen wird ebenfalls, dass eine Arbeit die einem für 15 Jahre ein gutes Einkommen und Auskommen verschafft nichts wert ist, wenn man das Blei, das Arsen und das Quecksilber in Blut und Knochen gratis dazubekommt und, wenn man viel Glück hat, einen schnellen und nicht allzu grausamen Tod stirbt. Was die Bergbaugesellschaften der Bevölkerung auch nicht sagen ist, dass der Boden und das Wasser über Jahrzehnte verseucht und unbrauchbar sein werden. Bis heute sterben Jugendliche und Kinder an Nierenversagen in Cabañas als Folge des Goldabbaus in der Region in den 1980er Jahren. Der Gipfel der Unerhörtheiten ist noch nicht erreicht wenn man fragt wieviel der Gewinne des Goldabbaus denn im Land bleibt und zur Antwort bekommt, dass die Unternehmen 2% an Steuerabgaben bezahlen müssen, was bedeutet dass von den 400 Mio. US $ lediglich 8 Mio. US$ in El Salvador bleiben würden. Der Gipfel ist erst erreicht, wenn man sich auf der Zunge zergehen lässt, dass das kanadische Bergbauunternehmen "Pacific Rim" die Republik El Salvador vor einem amerikanischen Gericht auf 80 Mio. US$ verklagt für bereits getätigte Investitionen in der Exploration und sich dabei auf das Freihandelsabkommen zwischen El Salvador und den USA berufen und auf ihr "Recht" die salvadorianischen Bodenschätze auszubeuten. 
Was wie die Handlung eines schlechten Mafia-Thrillers klingt, ist in Wahrheit Alltag und heißt neoliberaler, globaler Kapitalismus. Das trojanische Pferd der "Entwicklung" bringt an immer mehr Orten der Welt Armut, Tod und Verderben. Darüber offen zu sprechen ist heutzutage auch in den vorbildlichsten Demokratien gefährlich. Wenngleich es dem kritischen Wirtschaftsanalytiker in Deutschland nicht gleich das Leben kostet, sondern vielleicht lediglich seine Reputation, mit dem Bauern oder dem kleinen Umeweltaktivisten in Brasilien, Bangladesh, Kongo oder El Salvador wird kurzer Prozess gemacht. In der Provinz Cabañas wurden den vergangenen zwei Jahren 4 Menschen, die sich offen, aber friedlich gegen die kanadische "Pacific Rim" gerichtet haben ermordet, darunter ein zweiundzwanzigjähriger Student, der Protestplakate aufgehängt hatte. Wer steht hinter den Morden? Wer hat sie ausgeführt? Was sind die Motive? Hier beginnt das große Schweigen. Angesichts der Tatsache, dass lediglich 2% der Gewinne im Land bleiben und die restlichen 98% in den gläsernen Wolkenkratzern der ausländischen Unternehmen verschwinden, wohlgemerkt, dass auch die Aktionäre der Deutschen Bank, der Commerz Bank und so weiter ihren Happen abbekommen, angesichts dessen eben hört dieses Problem auf ein rein salvadorianisches oder mittelamerikanisches Problem zu sein und beginnt uns alle anzugehen. Mit SomosTutal haben wir es uns zur Aufgabe gemacht dieses Thema, zwar mit der nötigen Vorsicht, wohl bedacht und kreativ aber entschieden in der hiesigen Gesellschaft zum Thema zu machen.
Wir fangen da gewiss nicht bei null an, wie die Demo zum Welttag der Umwelt diesen Donnerstag gezeigt hat. Gemeinsam mit ca. 7000 Menschen aus allen Provinzen El Salvadors, aus Guatemala und von ausländischen NGOs sind wir gut zwei Stunden durch das Stadtzentrum von San Salvador bis vor das Parlament gezogen. Bauerngemeinschaften, Pfarrgemeinden, indigene Tanzgruppen, Trommlergruppen, Schüler, Studenten und viele mehr demonstrierten gemeinsam für das Recht auf Wasser, gegen die Zerstörung und Vergiftung durch Bergbauprojekte und für eine gerechtere Weltordnung. 
Das weltweit in Entwicklungsländern abgebaute Gold wird zum allergrößten Teil zu Schmuck verarbeitet und in Form von Goldbarren als Geldreserve eingelagert. Allein in Deutschland schlummern rund 3500t Gold in Banktresoren. Während die Regierungen Europas angesichts der "Krise" fleißig weiter Gold und "Sicherheiten" kaufen, glänzen die Goldbarren und schlummern einen unruhigen Schlaf, denn sie wissen, sie haben Tausende von Menschen ins Verderben gestürzt.

Bewusstseinsarbeit an der Uni...

...und auf der Straße

"Ohne Wasser, kein Leben - mit Minen, kein Wasser"


Los gings von der Plaza del Salvador del Mundo bis zum Parlament

Kreativ ist der Widerstand :)

Der Verkehr lag lahm als eine Welle von 7000 Menschen das Zentrum erfasste.

Die Bewegung der indigenen Bevölkerung ist mit dabei!




Der sommerliche Platzregenschauer hat mittlerweile aufgehört, die Luft duftet nach Sommer und lässt mich nicht länger auf meinem Stuhl sitzen. Ich muss raus. El Salvador hat mir meine Unruhe zurückgegeben. Eine Unruhe, die mich zuletzt auch zu den Kindern der "22 de Abril" geführt hat, von denen ich beim nächsten mal berichten werde.
Beste Grüße aus San Salvador in die Welt. Ich hoffe euch geht es allen gut und Deutschland hat die größten Fluten überstanden. Dieses Wochenende also endlich ALLE, Sonne genießen!!! :)




Montag, 6. Mai 2013

Guatemala, ewiges Land der Maya (letzter Teil)



Der Karfreitag ist vielleicht der zentralste und symbolträchtigste Tag in der lateinamerikanischen Karwoche, so auch in Chwikaqá. Jugendgruppen hatten bis tief in die Nacht hinein, ausgestattet mit Taschenlampen, bunte und künstlerisch verzierte Blumenteppiche in den Straßen gelegt. Das ganze Dorf ist bereits auf den Beinen als wir die Plaza vor der Kirche erreichen. Dieser Freitag sollte der programmreichste und anstrengendste Tag der ganzen Woche werden. Wie in hier so ist in vielen abgelegenen Berggemeinden die Volksfrömmigkeit sehr von Traditionen geprägt, Traditionen die in diesem Fall häufig noch aus der spanischen Kolonialgeschichte stammen und einen hie und da andalusischen Anstrich haben. So komme ich mir bei der ersten Karfreitagsprozession an diesem Vormittag vor wie ins malerische Sevilla versetzt. Eine paar Schritte gehen, singen, erste Station, niederknien, ein Vaterunser und ein Ave Maria, aufstehen, zur nächsten Station. Nach vierzehn Stationen sind die Knie wund, die Kehle trocken und Buße für die nächsten 500 Jahre getan. Doch damit nicht genug, am frühen Nachmittag führte die Jugendgruppe den zweiten Teil ihrer Passionsgeschichte vor. Mit knallenden Peitschenhieben wird Pedro, der Jesus-Darsteller, durch die Dorfstraßen getrieben bis auf eine Anhöhe über einem Abgrund. Zwei weitere Kreuze sind bereits vorbereitet. Unter den besorgten Augen der Bevölkerung wird Jesus schreiend ans Kreuz genagelt und aufgerichtet. Erinnerungen werden wach, an das Osterfest 2006 als ich in Mollendo, im Süden Perus selbst an dieser Stelle hing, eine unvergessliche Erfahrung. Nach der anschließenden Karfreitagsliturgie war noch lange nicht Schluss. Die „Prozession zum Hl. Grab“ stand auf dem Programm. Wieder ging es um die Häuserblocks, diesmal jedoch mit einer eingesargten Christusfigur und der Virgen Dolorosa, der Schmerzensmutter voraus. Zum Ende der Prozession ist es bereits fast dunkel. Die Erschöpfung steht allen ins Gesicht geschrieben, aber die Gesichter schauen auch zufrieden drein. So macht sich jeder wieder auf den Weg nach Hause mit seiner Familie.
An diesem Abend erzählt mir Juan von den schweren Zeiten die die Gemeinde während des jahrzehntelangen Bürgerkriegs, der in Guatemala erst 1996 beendet wurde, erlebt hat. Er erzählt von den Jagdbombern die die Regierung über das Hügelland des Quiché schickte und die überall dort Bomben abwarfen wo sie Verstecke der Rebellen vermuteten. Guerillakommandos und Militärs versetzten die Bevölkerung wechselseitig in Angst und Schrecken. Gemeindemitglieder verschwanden von einem Tag auf den anderen, andere wurden verhaftet und gefoltert. Es war ein Krieg der wie in El Salvador ganze Generationen geprägt und die Gewalt und das Leid tief ins Bewusstsein der Menschen eingebrannt hatte. Wie bereits berichtet hat auch Guatemala bis heute ein großes Problem mit der Alltäglichkeit und der Normalisierung der Gewalt. Die Maras, organisierte Jugendbanden drängen immer mehr auch nach Guatemala Stadt vor und verdienen sich den Lebensunterhalt mit Erpressungen und Überfällen. Die Drogenkriminalität ist das zweite große Problem. Die guatemaltekische Drogenmafia ist ein wichtiges Glied in der Schmugglerkette zwischen Kolumbien und Mexiko, bevor die Ware in die USA und nach Europa „exportiert“ wird, und geht bei ihren Aktionen regelmäßig über Leichen. Auch das finstere Kapitel der staatlichen Repression im Bürgerkrieg ist noch nicht geschlossen. Erst vergangene Woche wurde der Prozess gegen einen guatemaltekischen Exdiktator, in dessen Verurteilung die ganze Hoffnung von Menschenrechtsverteidigern und Bevölkerung lag, für ungültig erklärt. Auch dieses Land hat noch einen langen Weg zu gehen, hin zu einem anhaltenden, echten Frieden.







Am Samstagvormittag sind wir eingeladen bei einer Untergruppe der Gemeinde, die sich „pequeñas comunidades“ (kleine Gemeinschaften) nennen. Junge und alte treffen sich in diesem Kreis einmal im Monat um gemeinsam etwas für die ärmsten und benachteiligten Dorfbewohner zu tun. Wir reihen uns ein in die bunte Runde. Auf dem Boden ist ein kunstvoll verzierter Maya-Altar aufgebaut. Marcos, ein Bruder von Katti und Pedro, bei deren Familie wir zwei Tage zuvor zu Mittag gegessen hatten, gibt uns eine Einführung. Er erklärt uns die Symbolik des Altars, die Blumen die das Wachsen und Gedeihen im Leben und in Gemeinschaft bedeuten und die Kerzen. „Für uns in der Maya-Kultur sind unsere Vorfahren nicht im Himmel oder irgendwo an einem anderen Ort“, erklärt er. „Sie sind hier bei uns und mit uns, überall. Wir sprechen zu ihnen und sie zu uns.“ Jeder Tag habe einen bestimmten Schutzgeist, „Nahual“ genannt, fährt er fort. An diesem Tag rufen wir gemeinsam den Nahual Kawok, den Geist des Sonnenstrahls an. Marcos erzählt uns auch von dem Gott der Maya, der ja auch der Gott der Christen sei, denn schließlich gebe es ja nur einen. Er lächelt und bemerkt, dass der Maya-Gott übrigens auch so eine Art Dreifaltigkeit hat. Er tritt in drei verschiedenen Personen auf, dem Quetzal, Guatemalas Wappenvogel, der Schlange, mit einer positiven Bedeutung und der Luft, dem Hauch des Lebens. Nichts scheint sich hier zu widersprechen, alles zu passen. Nach einem gemeinsamen Gebet auf Quiché teilen wir uns in vier Gruppen auf, um Zeit zu sparen, da noch einige Aktivitäten an diesem Tag anstehen. Ich gehe mit Pedro und drei anderen Jungs. Da unser Ziel wohl recht weit entfernt liegt holt Pedro seinen alten Toyota Pickup und wir steigen bepackt mit Lebensmitteln, wie Reis, Bohnen, Zucker und Salz auf die Ladefläche. Etwa zehn Minuten dauert die Fahrt über die von Häusern gesäumte, kurvige Piste durch das Hügelland bis wir an einem kleinen Kiefernwäldchen angelangt sind. „Hier hört die Straße auf“, ruft Pedro und wir steigen ab. Ein kleiner Pfad führt uns durch den Wald vorbei an kleinen Maisäckern, bis wir schließlich nach weiteren fünfzehn Minuten eine bescheidene Hütte erreichen. Hier wohne Don Manuel, erklärt man mir. Der Mann gut in den Vierzigern ist seit Monaten schwer krank und ans Bett gefesselt. Seine Frau ist seit Jahren verstorben, seitdem kümmerte er sich alleine um seine drei minderjährigen Töchter. Jetzt kümmern sich seine Töchter um ihn, eine Tante die in der Nachbarschaft wohnt unterstützt sie dabei. Wir klopfen an. Ein etwa zwölfjähriges Mädchen öffnet uns und bittet uns herein.  Im Innenhof ist ein weiteres Mädchen mit dem Wäschewaschen beschäftigt. Zwei Hunde tollen zwischen den Töpfen und Kübeln herum. Das Mädchen das uns die Türe geöffnet hatte bedeutet uns ins Haus zu kommen. Wir treten in den einzigen dunklen Raum, der nur schwach von einer Feuerstelle erleuchtet wird. Als sich meine Augen an das dämmerige Licht gewöhnt hatten entdecke ich in der Mitte des Raumes, unmittelbar neben der Feuerstelle ein Bündel. Don Manuel liegt eingewickelt in mehrere Decken, schwer atmend auf dem Fußboden. Er nimmt uns zunächst kaum wahr. Pedro und seine Freunde sind bereits öfter hier gewesen und kennen ihn. Pedro wendet sich mit lauter Stimme an den Mann und stellt uns vor. Er scheint kaum zu hören. Das Mädchen nimmt dankbar die Lebensmittelspende entgegen und die Jungs sprechen mit ihr auf Quiché. Die Wände sind geschwärzt vom Ruß der Feuerstelle. Der Rauch zieht durch eine Öffnung in der Decke ab. Da Don Manuel offiziell der freikirchlich evangelischen Gemeinde angehört und hier im Dorf unterschiedliche religiöse Anschauungen respektiert werden, fragt Pedro ob er es wünscht, dass wir gemeinsam ein Gebet sprechen. Mit einem kaum merklichen Nicken stimmt er zu. Wir stellen uns im Kreis auf und bitten auf Quiché für seine Gesundheit, für seine Töchter und, dass ihnen nichts fehlen möge. In ein abschließendes Vaterunser mischt sich das beschwörende Gemurmel auf Quiché der übrigen Anwesenden, eine ergreifende Stimmung. Bevor wir uns verabschieden beuge ich mich zu Don Manuel hinunter, knie mich an seine Seite und reiche ihm die Hand. Er wendet mir den Kopf zu und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Hatte ich den Blick eines alten, lebensmüden Mannes erwartet, blicke ich in Augen die vor Leben glühen, jung, voller Schmerzen, Angst und zugleich hoffnungsvoller Dankbarkeit. Eine Begegnung von unbeschreiblicher Tiefe. Das Aufeinandertreffen zweier Leben wie sie unterschiedlicher kaum sein können an diesem Ort, und die sich doch in der Stille des Augenblicks ganz zu verstehen scheinen.
Auf dem Rückweg erzählt mir Pedro, dass im Dezember zum Ende der Erntezeit alle im Dorf bereits den Mais eingebracht hatten, auf dem Acker von Don Manuel die Kolben noch unangetastet in der Sonne trockneten. Er hatte nicht die Kraft das Haus zu verlassen. Eine Gruppe von jungen Männern um Pedro und Marcos ernteten die milpa für ihn ab und brachten ihm das lebensnotwendige Korn auf den Hof. Ohne solidarische Zusammenarbeit ist ein Überleben hier kaum möglich. Keiner weiß, wann er vielleicht einmal in einer Situation ist, in der er auf die Hilfe der Gemeindemitglieder angewiesen ist. Ich frage, ob man Don Manuel denn nie zu einem Arzt gebracht hätte. Er wäre vor Monaten wohl einmal beim Arzt gewesen, aber die Familie habe kein Geld um ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Man könne lediglich ab und zu neue Medikamente kaufen.







Am Nachmittag, dem letzten hier in Chwikaqá, zieht es mich wieder auf die Plaza. Ich setze mich auf meine Stufe und bekomme gleich darauf Gesellschaft von Maria, einem zwölfjährigen Mädchen, das mir die Tage immer wieder gefolgt war und sich stets halb schüchtern, halb aufgeweckt mit mir unterhält. Wenig später gesellt sich ein älterer Mann zu uns. Er stellt sich vor als Don Andrés, 81 Jahre alt. Er hat sein ganzes Leben in Chwikaqá gelebt, hier geheiratet, 9 Kinder groß gezogen. Nun bleibe ihm nicht mehr lange, aber das sei in Ordnung, fügt er lächelnd hinzu. Er fragt mich wo ich her komme, wo Deutschland liege, wie denn die fünf Kontinente hießen, ob El Salvador auch in Mittelamerika sei. Erhört mir aufmerksam zu und erzählt mir dann von früher, als hier noch keine Autos fuhren, als vor 70 Jahren Missionare von außerhalb kamen und ihnen Religionsunterricht und anderes Wissen gaben. Er hatte sein Leben lang auf dem Feld gearbeitet, nichts fehlte ihm.
Als die Sonne den Horizont über den Hügeln berührte brach die Menschenmenge, die sich wieder nach und nach auf der Plaza angesammelt hatte, langsam auf. Es ging auf die freie Fläche, wo man tags zuvor die Kreuzigung mitverfolgt hatte und wo an diesem Abend das Osterfeuer entzündet werden sollte. Hoch schlugen bereits die Flammen die sich gierig in die trockenen Scheite bissen und im Christentum das neue Leben symbolisieren. Begleitet von einer Folklore-Musikgruppe entzündet Agustín die Osterkerze und gibt das Licht an die Gemeindemitglieder weiter. Von Kerze zu Kerze breitet sich das Osterlicht in der Dunkelheit bald aus wie ein leuchtender Teppich, der sich freudig singend Richtung Ortszentrum in Bewegung setzt. Die Osternachtfeier wird wieder komplett auf Quiché gehalten. Es ist einer der Höhepunkte der Woche. Die Kerzen in der dunklen Kirche, die geheimnisvoll schimmernden Farben, die von einem harten Leben gezeichneten und schon vertrauteren Gesichter, die melodischen Gesänge, ich bekomme Gänsehaut.

Das Osterfest kann nicht zu Ende gehen ohne eine letzte Prozession. Früh am Sonntagmorgen ist der Dorfplatz bereits wieder gefüllt mit Menschen aus den verschiedenen umliegenden Ortschaften. Diesmal streng getrennt nach Geschlechtern. Langsam entfernt sich die Gruppe der Frauen in die Dorfstraße hinab, voraus hoch über den Köpfen die Virgen Dolorosa, die Schmerzensmutter, an diesem Tag in einem weißen Freudenkleid. Die Männer tragen die aufrechte Figur des auferstandenen Christus bedächtig in die entgegengesetzte Richtung. Die Gesänge der beiden Gruppen verlieren sich nach und nach in der morgendlichen Brise. Ich folge den Männern durch die Gassen und um hundert Wegbiegungen. Irgendwann kommen wir zurück auf die Plaza und fast wie abgesprochen erreicht die Gruppe der Frauen den Platz im selben Moment. In der Mitte des Platzes treten sich Maria und Jesus gegenüber, die Marienstatue verneigt sich vor ihrem auferstandenen Sohn, Symbolik pur, die Menschen sind ergriffen und auch mir stockt der Atem. Ein schöner Brauch, der einem Ostern in seinem Ursprung sehr nahe bringt. Nach dem feierlichen Ostergottesdienst versammelt sich die gesamte Gemeinde auf der Plaza in einem großen Kreis. Jede Familie breitet Teppiche mit Gefäßen, Tüten und Körben vor sich aus. Es ist hier Brauch am Ostermorgen das Saatgut für die unmittelbar bevorstehende Aussaat zu segnen. Jeder hatte einen Teil der letzten Ernte zurückbehalten um die gelben und schwarzen Maiskörner, die Bohnen in diesem Jahr wieder auszusäen und für eine gute Ernte, von der hier oben immer noch das Überleben abhängt, zu beten. 






Nach der Zeremonie heißt es langsam Abschied nehmen. Abschied von Chwikaqá, von Menschen die uns so herzlich und wie selbstverständlich in ihrer Gemeinschaft aufgenommen hatten, Menschen die ein so anderes, so viel einfacheres und auf andere Art so viel schwereres Leben führen und von deren Gesicht niemals dieses Lächeln zu verschwinden scheint. Abschied von der kleinen Maria, die uns traurig hinterherwinkt, von Doña Juana, einer außerordentlichen Frau von 78 Jahren, die uns in diesen Tagen bekocht hatte, von Don Andrés, von Pedro. Abschied von Juan, seiner Frau Sandra, den Kindern Andrés, Gaspar, Isabel, Antonio, David, Jonas, von Candelaria, an deren Familienleben ich in diesen Tagen teilhaben durfte. Abschied von dieser anderen Welt, die unverwüstlich alle Stürme der Zeit zu überstehen scheint und in der doch beständig der Wind des Wandels weht. Eine Welt und eine Kultur die vor großen Herausforderungen steht in dieser Generation und von der so vieles zu lernen ist. Abschied vom Quiché, diesem wunderschönen und ewigen Hügelland der Maya.
Ächzend schiebt sich der VW Polo durch eine Talsenke nach der anderen. Die nackte Staubpiste kleidet sich bald wieder mit Asphalt, die Luft wird dicker und feuchter, Busse jagen einander hupend hinterher. Stunden später sehne ich mich nur noch nach einer kalten Dusche. Ich weiß ich bin zurück in meinem kleinen Leben, das mit dieser Woche ein kleines Stückchen größer geworden ist, ein Straßenzug von der UCA entfernt in San Salvador.