Freitag, 15. Februar 2013

"Willkommen Fernando Sebastián!" und "Am Fusse des Santa Ana"

 
 
 
Huiiii... jetzt ist doch tatsaechlich schon wieder eine Woche vergangen seit meinem letzten Eintrag und das, obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte gerade am Anfang oefter zu schreiben, da gerade so viel passiert und in meinem Kopf herumspukt, dass ich es kaum alles zu Papier bzw. Blog bringen kann. Aber eben diese Flut von Eindruecken und Informationen von der mir gelegentlich geradezu schwindelig wird halten mich jedes mal davon ab die Ruhe zu finden und mich ins "Ciber" (Internet Cafe) zu setzen, um etwas zu schreiben. Jetzt halt wieder mal geballt... :) Denn so einiges ist passiert in den vergangenen 7 Tagen. Meine Gastfamilie hat Nachwuchs bekommen, ich hatte bereits die Gelegenheit dem Hauptstadttrubel kurz zu entkommen und einen Einblick in das laendliche El Salvador zu bekommen, ich bin auf dem besten Weg mich an der Uni einzuschreiben und... ich habe ein Zimmer in unmittelbarer Naehe des Campus gefunden!

Zunaechst die beste und vielleicht erwartetste Nachricht. Am vergangenen Freitag vormittag wurde Fernando Sebastian, der Sohn von Mario und Nomra, bei denen ich nach wie vor wohne, geboren. Der kleine kam putzmunter mit einer Groesse von 47cm und wohl genaehrt zur Welt (genaueres ueber das Gewicht kann ich derzeit noch nicht sagen, da man hier in "libras" misst, einer Einheit mit der ich noch nicht sehr vertraut bin). Da es eine Kaiserschnittgeburt war mussten Mutter und Kind noch bis Montag im Krankenhaus bleiben. Lorien, die siebenjaehrige Schwester Fernandos musste sich auch bis Montag gedulden bis sie ihr Bruederchen endlich sehen konnte, da Kinder auf der chirurgischen Station nicht eingelassen wurden, was ihr wahrlich nicht leicht viel. Seit Freitag sprang sie wie entfesselt im ganzen Haus umher, trommelte auf ihren Papa ein und rief mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht: "Er ist endlich rausgekommen! Lasst ihn uns heimbringen!" Ich selbst durfte zusammen mit Mario am Sonntag Norma, der es schon wieder besser ging, und "Fer" im Krankenhaus besuchen. Wow... noch nie zuvor hatte ich sooo ein kleines Menschchen auf dem Arm gehalten. Es war beeindruckend und ich freu mich so sehr fuer die Familie, die mir in diesen wenigen Tagen bereits so sehr ans Herz gewachsen war. Das Wochenende verbrachte ich also zumeist mit Mario und Lorien zu Hause und versuchte zu helfen wo ich konnte, um den Haushalt auf Vordermann zuhalten und ein gewisses emotionales Gleichgewicht wiederherzustellen, denn Mario war diese Tage nicht viel weniger entrueckt als Lorien und zudem musste er auch noch Arbeiten gehen, er nannte mich beispielsweise andauernd versehentlich Fernando oder Sebastian. Letztlich haben wir alles gut hingekriegt und am Montag Nachmittag kamen Norma und Fernando endlich nach Hause und ein neues Kapitel im Leben der Familie konnte beginnen. Die Naechte sollte fortan belebter werden und Lorien war nach sieben Jahren ploetzlich kein Einzelkind mehr, was sie beim Anblick ihres lang erwarteten Bruederchens jedoch sehr gut wegsteckte. Was den Laerm betraf, hatten wir die vergangenen Tage und Naechte ohnehin nicht viel mehr Ruhe gehabt, da die oeffentliche Wassergesellschaft gerade die Wasserleitungen in unserer Strasse austauschen laesst und ein ganzes Batallion von Bauarbeitern von 6.30 morgens bis tief in die Naechte hinein  die Strasse aufreisst und wieder verschliesst nur um sie am naechsten Tag erneut aufzureissen.Neben einem Hoellenlaerm, der einen kaum sein eigenes Wort verstehen laesst und einer Satubschicht die nach und nach die ganze Strasse und das ganze Haus unter sich begraebt, ist ein weiterer Nebeneffekt der Bauarbeiten, dass tagsueber praktisch nie Wasser aus Leitung kam. Man muss allerdings anerkennend sagen, dass die Bauarbeiter trotz bruetender Hitze, brennender Sonne und viel Handarbeit hoechst effizient und schnell gearbeitet haben und mittlerweile alles wieder ordentlich verschlossen ist und das Wasser fliesst.
Dass Norma und der kleine Mann zu Hause sind, sprach sich natuerlich in Windeseile herum, sodass am spaeteren Nachmittag des Montag das ganze Haus bevoelkert war von Grosseltern, Tanten, Cousinen und Freunden, die den Nachwuchs willkommen heissen wollten. Es wurde Kaffee, Saft und Cola uasgeschenkt, man ass Gebaeck, fachsimpelte, bestaunte den Kleinsten in der Wiege, der sich vo lauter Aufmerksamkeit genuesslich raekelte, und schauekelte ihn kraeftig auf den Armen. Alle waren sie gluecklich und auch die Mutter, noch immer etwas mitgenommen von der OP und der neuen Herausforderung, laechelte voll Freude.


Fernando Sebastían - 3 Tage

 

 Die glueckliche Familie

 Das heissersehnte Bruederchen ist da!

Flashback. Am letzten Sonntagvormittag, als der kleine Fernando noch im Krankenhaus war, musste Mario auch wieder arbeiten. Als Fachkraft im psycho-sozialeen Dienst  beim salvadorianischen Roten Kreuz gehoerte auch die Ausbildung neuer Freiwilliger fuer den Bergungs- und Sanitaetsdienst zu seinen Aufgaben. An diesem Wochenende fand ein erstes Ausbildungscamp im "Parque Nacional de Cerro Verde" am Fuss des Vulkans Santa Ana etwa zwei Autostunden ausserhalb von San Salvador, statt. Mario bot mir an ihn zu begleiten und so etws mehr von Land und Leuten kennenzulernen. Da seine Einheit fuer den Vormittag geplant war, mussten wir recht frueh aufbrechen. Um 5.30 lieferten wir Lorien bereits bei ihren Grosseltern ab und machten uns auf den Weg zur Zentrale des Roten Kreuzes im Stadtzentrum, um noch andere Kollegen zu treffen. Von dort ging es dann weiter in einem allradbetriebenen Rettungswagen, einem Toyota Landcruiser durch die Vororte in La Libertad, Santa Tecla, vorbei an Sonsonate bis wir schliesslich das "campo" mit seiner frischen Landluft erreichten. Ueber eine schmale Landstrasse ging es zunaechst vorbei an Zuckerrohr- und Maisfeldern, bis der Weg schliesslich stetig anstieg und der Landcruiser so seine Muehe hatte sich ueber die kurvige und steinige Piste den Berg immer weiter nach oben zu quelen. Die wunderschoene Silhuette des Vulkans Santa Ana und seiner Schwesterspitzen, dem Vulkan Izalco und dem Cerro Verde, war bereits aus der Ferne zu erahnen. Nun erklommen wir den ausladenden Bergruecken Stueck fuer Stueck. Alle paar Kilometer standen einige Haeuser am Strassenrand vor denen sich Feldarbeiter, Haendler und Reisende tummelten um auf den naechsten Microbus in die Stadt zu warten. Noch weit vom Gipfel des mit ueber 2.300m hoechsten Vulkans des Landes entfernt, beginnt, doch auch schon auf gewisser Hoehe, der "Parque Nacional de Cerro Verde". Das Klima ist hier deutlich kuehler als im Flachland und ich bin fuer diese frische Morgenluft sehr dankbar, aber auch froh ueber mein zusaetzliches Hemd.


Der Izalco, der Cerro Verde und der Santa Ana

 
 

Die Freiwilligen bei einer Auflockerungsuebung
Mario bei der Arbeit
 
Inmitten dieser abgelegenen subtropischen Berglandschaft erreichten wir schliesslich das Trainingscamp des Roten Kreuzes. Etwa 50 junge und auch aeltere Erwachsene waren am Vortag mit ihrem Gepaeck und Sandtaschen in ihren Rucksaecken stundenlang hier hinauf gewandert, ein Ausdauermarsch und Teil der Grundausbildung. Betreut wurden sie von erfahrenen Fachkraeften von der Bergrettung, der Strassen- und der Katastrophenschutzeinheit. Die Ausbildung dauert insgesamt ein Jahr und ist ueber mehrere Workshopwochenenden verteilt. Ich bin beeindruckt wie sich so viele junge Menschen, die teilweise aus sehr einfachen Verhaeltnissen kommen, taeglich hart fuer ihren Lebensunterhalt schuften muessen und oft nicht einfachen sozialen Realitaeten ausgesetzt sind, mit soviel Eifer, Freude und Ausdauer fuer ihre Mitmenschen einsetzen. Wir kommen gerade rechtzeitig fuer die charlas psico-sociales, das Arbeitsgebiet von Mario, wo die Freiwilligen lernen sollen mit Stress und brenzligen Situationen bei Einsaetzen umzugehen. Mario hoert sich mit viel Feingefuehl und Empathie die Erfahrungen der Neulinge an. Auch spaeter wird er sie bei ihrer Arbeit stets psychologisch begleiten. Er selbst hat jahrelang fuer den Rettungsdienst des Roten Kreuzes gefahren und weiss somit was die Retterinnen und Retter bewegt. An diesem Sonntag steht hauptsaechlich Krisenintervention an. Bei der Wanderung am Vortag war eine Teilgruppe von Freiwilligen, die auf dem Weg etwas zurueckgefallen war, von zwei bewaffneten Dieben ueberfallen und ausgeraubt worden. Da keiner der Gruppe Widerstand geleistet hatte und alle zaehneknirschend ihre Handys und das Kleingeld, das sie mitfuehrten, herausgaben ist gluecklicherweiser nichts ernsteres passiert. Dennoch kochte es an diesem morgen noch immer in der Gruppe, der Schrecken sass noch tief. Diese Art von Kriminalitaet ist leider keine Seltenheit in El Salvador und in Mittelamerika und hat ihre Wurzeln tief in der Geschichte und der Sozialstruktur des Landes. Wenn man sich jedoch der Situation angemessen verhaelt und keinen Widerstand leistet hat man in der Regel jedoch nichts zu befuerchten. Dennoch, Aufmerksamkeit und Vernunft sind immer gefordert. Ueber die Kriminalitaet und die bewegte Geschichte des Landes werde ich bei Gelegenheit noch ausfuehrlicher berichten. Soweit jedoch kein Grund zur Beunruhigung.
Gegen Mittag machten wir uns schliesslich alle gemeinsam mit den Freiwilligen wieder auf den Rueckweg nach San Salvador. Da nun auch alle Betreuer transportiert werden mussten und der Toyota Landcruiser somit voll war blieb uns nur noch Platz auf einem alten Mercedes Benz Rotkreuz LKW, schaetzungsweise aus den fruehen 70er Jahren. Mario meinte nur lachend: "Der ist noch aus der Zeit vor dem Buergerkrieg." Ein einziartiges Gefaehrt auf dessen Ladeflaeche wir es uns zusammen mit den vom Wochenede erschoeften Freiwilligen "bequem" machten. Ladeflaechen sind ein recht gaengiger Ort, wenn man in Mittelamerika auf Reisen ist, sei es auf Pick-ups, Kleintransportern oder eben grossen LKWs. So kehrte ich also staubig und schwitzend, aber erfuellt von der Schoenheit dieses Landes und beeindruckt von der Ausdauer und Hoffnung seiner Menschen nach San Salvador zurueck und lernte die Hauptstadt auch aus dieser echt salvadorianischen Perspektive kennen, der Ladeflaeche eben. Und ausser einem geplatzten Reifen mitten im Stadtzentrum von San Salvador zwei Strassen vom Rotkreuz-Zentrale entfernt tat der alte Benz wie immer treu seinen Dienst.
Das Ungetüm
 
Reisen auf mittelamerikanisch
 


 
Da nun gleich Norma, Mario, Lori und Fer von einem Kontrollbesuch beim Arzt heimkommen werden und ich noch frischen Orangensaft besorgen wollte, muss ich hier nun doch unterbrechen. Ist auch schon wieder recht lang geworden...
In den kommenden Tagen werde ich mir dann wieder Zeit nehmen, um von meinen ersten Eindruecken an der Uni und meiner erfolgreichen Zimmersuche zu berichten, dann mit eigenem W-LAN und ohne die Laermkulisse von den Ballerspielen und FIFA videogames der Halbwuechsigen im Hintergrund.

Bis dahin, muchos saludos y rayos de sol desde San Salvador al mundo...


PS: Fernando hat soeben den letzten Ueberrest seiner Nabelschnur verloren! :) 

Donnerstag, 7. Februar 2013

Mit der Linie 22 ins Abenteuer Hauptstadt!

An meinem zweiten Tag in El Salvador, nach viel Schlaf, gutem Essen und bester Gesellschaft war ich wieder hergestellt. Nun konnte mich nichts mehr in den vier Waenden halten und ich musste raus, sehen was hinter dem gut sortierten Supermarkt von San Jacinto (mit deutschem Bier, franzoesischem Rotwein und gluecklicherweise auch ein paar Flipflops) lag. Mario und Norma erklaerten mir gemeinschaftlich und mit hoechster Hingabe den Weg und die Busverbindungen, die ich zum Zentrum nehmen musste. Norma tat es schrecklich leid mich alleine gehen zu lassen beim ersten mal, ich versicherte ihr jedoch, dass ich aufpassen und den Rueckweg gewiss finden wuerde.
So bestieg ich gestern Mittag gegen 12.00 zum ersten mal einen dieser laut heulenden, beruehmten salvadorianischen Microbusse (bunt bemalte, uralte amerikanische Greyhoundbusse) der Linie 22.
Energisch stuerte sich der Fahrer ins dichte Getuemmel der engen Strassen. Positiv ist, dass man sich dem blechernen Koloss recht sicher fuehlt, da kaum ein Gefaehrt auf der Strasse groesser und maechtiger ist. Am Mercado Ex-cuartel stieg ich aus und bahnte mir den Weg durch die geschaeftige Markthalle. Erstes Ziel, Mittagessen. In einer breiten Seitenstrasse hinter der Markthalle entdecke ich einige ausladende Essensstaende deren Sonnensegel und gemuetluiche Tische zum bleiben einladen. Fuer 1,40$ gab es hier genuegend gebratene Kartoffeln mit Reis und Gemuese um satt zu werden und obendrein auch noch sehr lecker. Die freundliche Señora steckte mir noch laechelnd eine frische Mais Tortilla zu. Frisch gestaerkt konnte der Ausflug in den Grossstadtdschungel beginnen. Dschungel ist in der Tat ein passender Begriff fuer das was dann kam. Durch einene enge Gasse voller Verkaufsstaende kam ich schliesslich ins Herz San Salvdors. Die breiten Strassen waren auch hier gesaeumt von Haendlern die alles anboten von Kleidung, ueber Spielzeug hin zu Kuechenutensilien und Elektroartikeln. Jeder Stand hatte sein eigenes Soundsystem aus dem ohrenbetaeubende Musik erklingt, Salsa, Bachata, Reggaeton alles ist dabei. In der Mitte der Fahrbahn schieben sich laut hupend myriaden von Taxis, Pkws, Motorraeder und Kleinlaster aneinander vorbei. Dawischen suchten geschickt Fussgaenger und Polizisten ihren Weg. So etwas hatte ich nicht erwartet. Ich hatte schon einiges gesehen und viele Erfahrungen im lateinamerikanischen Grossstadtverkehr gesammelt, aber verglichen mit dem was ich hier erlebte ist Arequipa eine gemuetliche Kleinstadt und das Treiben in Limas Zentrum recht geordnet. Das erste was mir in den Sinn kam war Chaos, doch auf eine wundersame Weise war all dies keineswegs abschreckend und bedrohlich sondern hatte seinen ganz eigenen Charme. Um nun doch einen Moment Ruhe zu finden betrat ich die maechtige Metropolitan-Kathedrale, ein grosser weisser Bau aus den 1950er Jahren (die alte Kathedrale war bei einem Erdbeben zerstoert worden) mit reich verzierten Fenstern. Ruhe? Fehlanzeige. Kaum hatte ich die kuehle Luft des Gebaeudes dankbar bis in den letzten Winkel meiner Lungen aufgenommen und den Mittelgang des Gotteshauses erreicht war das Sounderlebnis perfekt. Durch die offenen Tueren der Kathedrale drang zu beiden Seiten die laut droehnende Musik der Strasse herein und vermischte sich an dieser Stelle zu einem undefinierbaren Genre. Allein der Kuehle wegen harrte ich doch einige Minuten hier aus. Schliesslich zurueck auf der Strasse hatte ich meine erste Mision zu erfuellen. Ich wollte eine lokale SIM Karte fuer mein Handy kaufen. Ich fragte an diversen Verkaufsstaenden nach, ueberall erklaerte man mir doch, dass man aus sicherheitsgruenden fuer die Registrierung einen Personalausweis vorlegen muesse. Natuerlich hatte ich meinen Reisepass nicht mit ins Zentrum genommen. Ich fand jedoch schliesslich einen Stand direkt gegenueber der Kathedrale wo ein behaebiger Verkaeufer, der ein paar Minuten spaeter ploetzlich nicht mehr der Verkarufer zu sein schien und verschwunden war, mir versicherte, dass er einfach seine Ausweisnummer angeben konnte. Gut. Naechstes Problem war nun, dass mein Handy konfigueriert werden musste fuer das lokale Netz, denn T-Mobile gibts hier nun mal nicht.. Leichter gesagt als getan, meine eigenen Programmierfaehigkeiten was Handys angeht sind eher beschraenkt und der "neue" Verkaeufer verstand leider weder deutsch, noch niederlaendisch, franzoesisch, englisch oder tuerkisch, die Sprachen die mein Handy aber sprach. Auch das kein Problem, einen Anruf und 5 Minuten spaeter die Nachricht, gleich wuerde einer kommen und mein Handy innerhalb von einer halben Stunde und fuer 10$ konfiguerieren. Gluecklicherweise besitze ich kein besonders wertvolles Modell, so dass ich es getrost aus der Hand gab. Ausserdem machten die Jungs am Stand einen netten Eindruck und fragten mich am laufenden Band ueber Deutschland aus. Als ich dann fragte ob denn dieser andere, der kam, Englisch koenne um den Apparat zu verstehen lachten sie nur laut. "Wir sind die Mafia des Handys, wir koennen alles!" Gesagt getan, knapp 40 Minuten spaeter bekam ich mein Handy umkonfigueriert, mit neuer SIM, 2$ Guthaben und einem freundlichen Laecheln zurueck. :)
Nun war ich bereits spaet dran, wollte ich doch um 3 zuhause sein, da Norma mit Lorien zum Arzt musste. Ich spurtete also zurueck durch den Verkaufsdschungel zum Mercado und schwang mich auf einen der Blechriesen der Linie 22 zurueck ins ruhigere San Jacinto. 10 nach 3 zuhause war ich natuerlich nicht zu spaet, "hora latina", lateinamerikanische Zeit, wie Norma lachte und erst eine Stunde spaeter ging. Vom Grossstadtabenteuer hungrig geworen machte ich mich gegen spaeter auf die Suche nach etwas essbarem. Immernoch begeistert vom Konzept der "pupusas" entschied ich mich fuer eine weitere "Pupusería" in der Calle México bei uns um die Ecke. Ich verdrueckte genuesslich drei pupusas de queso mit Tabasco Sosse und Salat, stets unter den neugierigen Blicken der jungendlichen Pupuseros im Eingang. Herrlich. Bevor ich bezahlt hatte und das Lokal verlassen konnte, war ein fuelliger junger Mann dem Maedchen an der Grillplatte einen verstohlenen Blick zu. "Frag ihn doch!" Das Maedchen wandte sich mir zu und fragte etwas verlegen, ob ich ihr bei einer Englischhausaufgabe helfen koenne. Der Klassiker! Mit gespielter Ueberraschung fragte ich, wie sie denn auf die Idee kaeme, dass ich Englisch spreche. Um mich herum brach schallendes Gelaechter aus. Klar, eien Auslaender wie ich offensichtlich einer war, muesse doch Emglisch koennen. Ich lachte mit und da ich nicth in Eile war und eine nette Runde zusammengekommen war willigte ich ein. Nach 5 Minuten war der doch recht leichte Lueckentext gemeinsam ausgefuellt und ich wurde entlassen.
Fuer heute, Donnerstag hatte ich geplant zum ersten mal zu meiner neuen Uni zu fahren und bereits der Koordinatorin meines Masterprogramms Bescheid gegeben, dass ich sie heute in ihrem Buero aufsuchen wuerde. Allerdings wollte auch dieser Ausflug gut geplant sein. Die Universidad Centroamericana liegt in einem anderen Teil der Stadt und mit dem Microbus ist man inklusive umsteigen im Zentrum sicher eine Stunde unterwegs. Hinzu kam, dass Mario und Norma heute mit Lorien ins Krankenhaus mussten, da ein kleiner operativer Eingriff an ihren Ohren anstand. Die kleine hatte bereits seit laengerem Beschwerden und seit ca. 2 Wochen hat ihr Hoervermoegen sehr stark nachgelassen. Es war nur ein kleiner ambulanter Eingriff, dennoch waren verstaendlicherweise alle sehr besorgt und ich wollte zu Hause warten bis sie wieder kaemen. Gegen Mittag waren sie schliesslich zurueck, Lorien hatte ihre Narkose ausgeschlafen und alles war Gott sei dank gut verlaufen. Sie war bereits wieder putzmunter und konnte auch schon wieder deutlich besser hoeren. Nach dem Mittagessen war Norma noch sehr beschaeftigt, ja morgen der juengste Sproessling der Familie zur Welt kommen soll und Mario war noch bei der Arbeit. Also machte ich mich in der Kueche etwas nuetzlich, da bei so viel Umtrieb das Geschirr schon mal auf der Strecke bleiben kann. Lorien war schon wieder so fit, dass sie mir tatkraeftig half. Wir hatten so grossen Spass mit Schwamm und Wasser, dass wir Stueck fuer Stueck die ganze Kueche auf hochglanz polierten. So verbrachte ich den Mittag lachend und planschend mit Lori und rief kurzerhand meiner Professorin an der Uni an, die dafuer natuerlich vollstes Verstaendnis hatte... Mañana eben!
Heute Nachmittag und Abend wird wohl noch einiges los sein im Haus, da auch Cousinen, Gossmuetter, Onkels und Tanten mit Lorien mitgefiebert hatten und sich alle auf die Geburt des Babys freuen. Morgen were ich mich dann wohl vermutlich auch auf den langen Weg zur UCA machen, wer weiss... und dann aber ganz sicher auch davon berichten.
Tja Latinoamerica hat mich also wieder, die deutsche Puenktlichkeit und Strukturiertheit, die ich mir mittlerweile so muehsam wieder angeeignet hatte werde ich schnellstens wieder ablegen und jeden Tag so nehmen wie er eben kommt. Mit Vergnuegen!


 
 Meine wunderbare Gastfamilie!
 
 
 

 Meine erste "Pupusa"
 

Mein vorlaeufiges Zuhause, ein sonniger Ort :) 



 Um die Ecke im Barrio San Jacinto

Beim froehlichen Kueche schrubben mit Lorien

Dienstag, 5. Februar 2013

Mit 23kg in ein neues Leben

Ich kann es selbst noch kaum glauben, aber hier sitze ich nun, in einem geschäftigen Cyber Café in San Jacinto, einem Stadtteil San Salvadors unweit des Stadtzentrums. Die Nachmittagssonne senkt sich schwer ueber die gruenen Huegel hier gleich hinter den Haeusern beginnen. Buntbemalte Microbusse rauschen mit einem Hoellenlaerm die steilen Strassen rauf und runter. Jung und Alt kommt von der Arbeit oder der Schule nach Hause. Nur muehsam bekomme ich mein Zeitgefuehl zurueck, in meinem Kopf ist es irgendwie immernoch 7 Stunden spaeter. Die Muedigkeit und die sengende Hitze des heutigen Tages haben noch immer eine fast berauschende Wirkung. Hinter mir liegen glatte 24h Reise, aus Altdorf ueber Strasburg, Frankfurt und Miami hier her an die Pazifikkueste Zentralamerikas. Als mich Mario gestern Abend am Flughafen abgeholt hat schlaegt mir einlaufe ich beim Verlassen des klimatisierten Airports wie gegen eine Wand, knapp 30°C. Nach Wochen des Regens, nur grauem Himmel und feuchtkaltem Wetter, fuehlt es sich an als wuerde mein Herz aus dem Winterschlaf erwachen, und das Blut durch durch alle Adern schiessen. Grossartig! Bereits auf dem Parkplatz und auf dem etwa 40 minuetigen Weg in die Stadt bekomme ich eine Vorstellung von der Schoenheit dieses Landes. Obwohl es dunkel ist kann ich das Gruen der dicht bewaldeten Huegel und der Baeume am Strassenrand foermlich spueren. Zu Hause angekommen warten Norma, Marios Frau und ihre siebenjaehrige Tochter Lorien bereits auf uns. Der Abend wird zum einem ersten Erlebnis salvadorianischer Gastfreundschaft fuer die das Land nicht nur in den Reisefuehrern bekannt ist. Auf dem Weg in einer Pupusería haltgemacht gibt es "Pupusas" und frischen Orangensaft zum Abendessen. Die mit Kaese oder Fleisch gefuellten Maisfladen sind das Nationalgericht El Salvsadors und schmecken koestlich. Obwohl sie mich kaum kannten haben mich Mario und Norma, beide gebuertig aus San Salvador und Psychologen, bei sich zu Hause aufgenommen, bis ich ein eigenes Zimmer, moeglichst in der Naehe der Uni, gefunden haben werde. Und das obwohl sie selber arbeiten, die kleine Lorien gerade auch einige gesundheitlichen Sorgen bereitet und die hochschwangere Norma am Freitag ein Kind zur Welt bringen wird. Lorien freut sich schon sehr auf ihr Bruederchen, wie nsie mir heute erzaehlt hat. Kurz, die Familie ist grossartig und mir haette nichts besseres passieren zu koennen als hier zu landen!
Nachdem ich heute morgen etwas ausgeschlafen hatte machte ich mich auf eine erste Erkundungstour durch die Nachbarschaft und zum nahegelegenen Supermarkt um einige Dinge einzukaufen. Der Himmel war blau, keine einzige Wolke zu sehen. Mein Herz lachte. Auch hier inmitten der Stadt sind die Strassen dicht gesaeumt von gruenen Baeumen unterschiedlichster Art, Mango- und Papayabaeume, inidscher Lorbeer, Bananenpalmen. Es fiel mir schwer zu glauben, dass dies eine Hauptstadt ist in deren Ballungsraum ueber 1,8 Millionen Menschen leben. Die Strassen durch die ich ging, mit ihren kleinen Geschaeften, Restaurants, Werkstaetten und Strassenstaenden, hatten beinahe doerflichen Charakter weswegen ich das anhaltende Gefuehl hatte all die laechelnden Menschen gruessen zu muessen, was ich schliesslich auch tat und freundlich zurueckgegruesst wurde.
In den kommenden Tage ist es mein Plan ersteinmal weiter anzukommen und die Stadt, die Uni und das Leben hier etwas besser kennenzulernen. Davon werde ich hier weiter berichten.
Da dies kein Reise-Blog ist und ich hier nicht in Ferien bin, werde ich wohl nicht alle paar Tage von spektakulaeren Vulkanbesteigungen und abenteuerlichen Dschungeltrips berichten, sondern davon wie ich dieses Land in all seinen Facetten erlebe, von frohen Festen, traurigen Geschichten, lachenden Menschen, und ernsten Begebenheiten. Ich moechte von der Geschichte dieses buergerkriegsgebeutelten Landes schreiben von seiner Gegenwart der anhaltenden und immer wieder stockenden Aussoehnung und seinen Zukunftsvisionen. Auch wenn zunaechst alles neu hier ist fuer mich, ruft vieles doch Assoziationen hervor zu Dingen die ich erlebt habe. Deshalb werde ich hie und da auch immer wieder von Deutschland sprechen oder von Peru, von Kunst, Musik, Essen, Sport, Gesellschaft und Politik. Alltag eben, so wie er mir jeden Tag begegnet. Und wenn man genau hinschaut ist Alltag oft mindestens genau so spannend wie die tollste Dschungelsafari.