Samstag, 8. Juni 2013

Auf dem Campus und den Straßen...

Still wars hier auf dem Blog in der letzten Zeit. Einen Monat ist seit meinem letzten Eintrag über Guatemala vergangen und gut 2 Monate seit den letzten News aus San Salvador. Zeit für Neues!
Die höllische Hitze hat hier mittlerweile etwas abgenommen, was einen die Luft wieder atmen lässt. Stattdessen zerreißen immer häufiger rollende Donner den wolkigen Himmel und wie aus dem Nichts prasseln Wolkenbrüche vom Himmel, natürlich immer genau dann, wenn ich meinen neu erstandenen Regenschirm nicht zur Hand habe. 
Die Uni nimmt mich zur Zeit ziemlich in Beschlag. Ende des Monats geht das erste Semester zu Ende. Die Zeit fliegt nur so vorbei. Eine Hausarbeit nach der anderen steht deshalb gerade an. Ich genieße förmlich die Momente, die ich nicht vor meinem Laptop verbringe, daher auch die längere Blog Pause.
Seit 4 Monaten lebe ich nun hier in San Salvador, an der geschäftigen Calle del Mediterráneo, direkt neben der UCA in Antiguo Cuscatlán. Aus meiner kleinen Studentenbude breche ich jeden Morgen aus und mache mich auf den Weg zu meiner Fakultät. Brauchte ich anfangs keine 5 Minuten bis dorthin, schaffe ich es nun kaum mehr unter einer halben Stunde bis ich in der Bibliothek sitze. "Hey Nachbar, wie gehts?", ruft mir die Besitzerin der Pescadería von nebenan zu. 20 Schritte weiter reißt mich Doña Viky aus meinen Gednaken: "Adios! Nicht mal grüßen tun Sie heute! Alles Gute!" und lacht schallend. Es folgt ein Intermezzo im Copy-Shop, der Small-Talk mit dem Uni-Pförtner, vorbei an der Cafetería, wo die Señora bereits seit 6.30 fleißig bedient. Dann zielstrebig Richtung "Centro Monseñor Romero", fast bin ich da. In der Bibliothek warten schon Hugo, Oscar und Evelin hinter dem Tresen und grüßen freundlich und unter 5 Minuten ist auch hier nichts zu machen.
Lebensgefühl pur! Es ist schön, durch die Straßen zu gehen die mich vor einigen Wochen noch laut lärmend anschwiegen und nicht mehr fremd zu sein. Ich bin angekommen!

Der erste große Auftritt im Auditorium "Ignacio Ellacuría"

Abendessen auf dem Vulkan mit Aussicht auf die Stadt

Auch außerhalb des Studiums ist recht viel passiert in der letzten Zeit. Seit einigen Wochen gebe ich mein bestes den Tenor im Chor der UCA zu verstärken. Kaum dabei, hatten wir bereits eine Vielzahl von Auftritten, Messen, Abschlussfeiern, Festakte. 
Ausgehend von verschiedenen Veranstaltungen zum Thema Bergbau, Umwelt und Entwicklung hier an der UCA habe ich mit einigen StudentInnen gemeinsam SomosTutal gegründet ("Tutal" ist Nahuat, die fast vergessene Sprache der hiesigen Azteken und bedeutet "Unsere Erde"), eine Aktionsgruppe die sich auf lokaler Ebene mit globalen Themen wie Bergbau, Wasserknappheit, Klimawandel und Entwicklung beschäftigt. Unser vorläufiges Ziel ist es unter den Studierenden der UCA ein Bewusstsein für aktuelle Probleme hier in El Salvador und der Welt zu wecken. Derzeit gibt es keinen Bergbau in El Salvador, kanadische Minengesellschaften sitzen jedoch bereits  auf heißen Kohlen und warten nur darauf in der Provinz Cabañas Gold im Wert von 400 Mio. US$ abzubauen. Da beim Goldabbau notwendigerweiße Quecksilber eingesetzt wird, besteht akute Gefahr für den Río Lempa (Fluss), der Süßwasserquelle für ca. 90% der Bevölkerung El Salvadors. Der Fluss ist bereits stark verschmutzt durch Minenprojekte in Guatemala und Honduras, wo der Lempa entspringt. Aktuell sind lediglich 2% des Trinkwassers in El Salvador sauber und nicht betroffen von der Verschmutzung durch Quecksilber, Arsen etc., 2% für man galonen- oder flaschenweiße teuer bezahlt. Neue Bergbauprojekte scheinen vor diesem Hintergrund absurd. Dabei rechnet man jedoch nicht mit dem Geschick der multinationalen Minenunternehmen, die den Menschen den Bergbau mit allen Mitteln schmackhaft machen. Goldminen bringen Arbeit, Infrastruktur, Entwicklung für die Region und das Land. Das Wirtschaftswachstum wir ganz von alleine dafür sorgen, dass der Überschuss auch bei den Armen ankommt. Das alte Lied, die alte Lüge des Neoliberalismus. Vergessen wird dabei, dass ein Unternehmen nie Überschüsse produziert, sondern Gewinne sofort in weiteres Wachstum investiert. Vergessen wird auch, dass die Korruption (übrigens eine Krankheit nicht nur der Politker der "Dritten Welt" sondern des großen Kapitals) dafür sorgt, dass die Gewinne in dunklen Kanälen versickern bevor sie beim Volk ankommen. Vergessen wird ebenfalls, dass eine Arbeit die einem für 15 Jahre ein gutes Einkommen und Auskommen verschafft nichts wert ist, wenn man das Blei, das Arsen und das Quecksilber in Blut und Knochen gratis dazubekommt und, wenn man viel Glück hat, einen schnellen und nicht allzu grausamen Tod stirbt. Was die Bergbaugesellschaften der Bevölkerung auch nicht sagen ist, dass der Boden und das Wasser über Jahrzehnte verseucht und unbrauchbar sein werden. Bis heute sterben Jugendliche und Kinder an Nierenversagen in Cabañas als Folge des Goldabbaus in der Region in den 1980er Jahren. Der Gipfel der Unerhörtheiten ist noch nicht erreicht wenn man fragt wieviel der Gewinne des Goldabbaus denn im Land bleibt und zur Antwort bekommt, dass die Unternehmen 2% an Steuerabgaben bezahlen müssen, was bedeutet dass von den 400 Mio. US $ lediglich 8 Mio. US$ in El Salvador bleiben würden. Der Gipfel ist erst erreicht, wenn man sich auf der Zunge zergehen lässt, dass das kanadische Bergbauunternehmen "Pacific Rim" die Republik El Salvador vor einem amerikanischen Gericht auf 80 Mio. US$ verklagt für bereits getätigte Investitionen in der Exploration und sich dabei auf das Freihandelsabkommen zwischen El Salvador und den USA berufen und auf ihr "Recht" die salvadorianischen Bodenschätze auszubeuten. 
Was wie die Handlung eines schlechten Mafia-Thrillers klingt, ist in Wahrheit Alltag und heißt neoliberaler, globaler Kapitalismus. Das trojanische Pferd der "Entwicklung" bringt an immer mehr Orten der Welt Armut, Tod und Verderben. Darüber offen zu sprechen ist heutzutage auch in den vorbildlichsten Demokratien gefährlich. Wenngleich es dem kritischen Wirtschaftsanalytiker in Deutschland nicht gleich das Leben kostet, sondern vielleicht lediglich seine Reputation, mit dem Bauern oder dem kleinen Umeweltaktivisten in Brasilien, Bangladesh, Kongo oder El Salvador wird kurzer Prozess gemacht. In der Provinz Cabañas wurden den vergangenen zwei Jahren 4 Menschen, die sich offen, aber friedlich gegen die kanadische "Pacific Rim" gerichtet haben ermordet, darunter ein zweiundzwanzigjähriger Student, der Protestplakate aufgehängt hatte. Wer steht hinter den Morden? Wer hat sie ausgeführt? Was sind die Motive? Hier beginnt das große Schweigen. Angesichts der Tatsache, dass lediglich 2% der Gewinne im Land bleiben und die restlichen 98% in den gläsernen Wolkenkratzern der ausländischen Unternehmen verschwinden, wohlgemerkt, dass auch die Aktionäre der Deutschen Bank, der Commerz Bank und so weiter ihren Happen abbekommen, angesichts dessen eben hört dieses Problem auf ein rein salvadorianisches oder mittelamerikanisches Problem zu sein und beginnt uns alle anzugehen. Mit SomosTutal haben wir es uns zur Aufgabe gemacht dieses Thema, zwar mit der nötigen Vorsicht, wohl bedacht und kreativ aber entschieden in der hiesigen Gesellschaft zum Thema zu machen.
Wir fangen da gewiss nicht bei null an, wie die Demo zum Welttag der Umwelt diesen Donnerstag gezeigt hat. Gemeinsam mit ca. 7000 Menschen aus allen Provinzen El Salvadors, aus Guatemala und von ausländischen NGOs sind wir gut zwei Stunden durch das Stadtzentrum von San Salvador bis vor das Parlament gezogen. Bauerngemeinschaften, Pfarrgemeinden, indigene Tanzgruppen, Trommlergruppen, Schüler, Studenten und viele mehr demonstrierten gemeinsam für das Recht auf Wasser, gegen die Zerstörung und Vergiftung durch Bergbauprojekte und für eine gerechtere Weltordnung. 
Das weltweit in Entwicklungsländern abgebaute Gold wird zum allergrößten Teil zu Schmuck verarbeitet und in Form von Goldbarren als Geldreserve eingelagert. Allein in Deutschland schlummern rund 3500t Gold in Banktresoren. Während die Regierungen Europas angesichts der "Krise" fleißig weiter Gold und "Sicherheiten" kaufen, glänzen die Goldbarren und schlummern einen unruhigen Schlaf, denn sie wissen, sie haben Tausende von Menschen ins Verderben gestürzt.

Bewusstseinsarbeit an der Uni...

...und auf der Straße

"Ohne Wasser, kein Leben - mit Minen, kein Wasser"


Los gings von der Plaza del Salvador del Mundo bis zum Parlament

Kreativ ist der Widerstand :)

Der Verkehr lag lahm als eine Welle von 7000 Menschen das Zentrum erfasste.

Die Bewegung der indigenen Bevölkerung ist mit dabei!




Der sommerliche Platzregenschauer hat mittlerweile aufgehört, die Luft duftet nach Sommer und lässt mich nicht länger auf meinem Stuhl sitzen. Ich muss raus. El Salvador hat mir meine Unruhe zurückgegeben. Eine Unruhe, die mich zuletzt auch zu den Kindern der "22 de Abril" geführt hat, von denen ich beim nächsten mal berichten werde.
Beste Grüße aus San Salvador in die Welt. Ich hoffe euch geht es allen gut und Deutschland hat die größten Fluten überstanden. Dieses Wochenende also endlich ALLE, Sonne genießen!!! :)




Montag, 6. Mai 2013

Guatemala, ewiges Land der Maya (letzter Teil)



Der Karfreitag ist vielleicht der zentralste und symbolträchtigste Tag in der lateinamerikanischen Karwoche, so auch in Chwikaqá. Jugendgruppen hatten bis tief in die Nacht hinein, ausgestattet mit Taschenlampen, bunte und künstlerisch verzierte Blumenteppiche in den Straßen gelegt. Das ganze Dorf ist bereits auf den Beinen als wir die Plaza vor der Kirche erreichen. Dieser Freitag sollte der programmreichste und anstrengendste Tag der ganzen Woche werden. Wie in hier so ist in vielen abgelegenen Berggemeinden die Volksfrömmigkeit sehr von Traditionen geprägt, Traditionen die in diesem Fall häufig noch aus der spanischen Kolonialgeschichte stammen und einen hie und da andalusischen Anstrich haben. So komme ich mir bei der ersten Karfreitagsprozession an diesem Vormittag vor wie ins malerische Sevilla versetzt. Eine paar Schritte gehen, singen, erste Station, niederknien, ein Vaterunser und ein Ave Maria, aufstehen, zur nächsten Station. Nach vierzehn Stationen sind die Knie wund, die Kehle trocken und Buße für die nächsten 500 Jahre getan. Doch damit nicht genug, am frühen Nachmittag führte die Jugendgruppe den zweiten Teil ihrer Passionsgeschichte vor. Mit knallenden Peitschenhieben wird Pedro, der Jesus-Darsteller, durch die Dorfstraßen getrieben bis auf eine Anhöhe über einem Abgrund. Zwei weitere Kreuze sind bereits vorbereitet. Unter den besorgten Augen der Bevölkerung wird Jesus schreiend ans Kreuz genagelt und aufgerichtet. Erinnerungen werden wach, an das Osterfest 2006 als ich in Mollendo, im Süden Perus selbst an dieser Stelle hing, eine unvergessliche Erfahrung. Nach der anschließenden Karfreitagsliturgie war noch lange nicht Schluss. Die „Prozession zum Hl. Grab“ stand auf dem Programm. Wieder ging es um die Häuserblocks, diesmal jedoch mit einer eingesargten Christusfigur und der Virgen Dolorosa, der Schmerzensmutter voraus. Zum Ende der Prozession ist es bereits fast dunkel. Die Erschöpfung steht allen ins Gesicht geschrieben, aber die Gesichter schauen auch zufrieden drein. So macht sich jeder wieder auf den Weg nach Hause mit seiner Familie.
An diesem Abend erzählt mir Juan von den schweren Zeiten die die Gemeinde während des jahrzehntelangen Bürgerkriegs, der in Guatemala erst 1996 beendet wurde, erlebt hat. Er erzählt von den Jagdbombern die die Regierung über das Hügelland des Quiché schickte und die überall dort Bomben abwarfen wo sie Verstecke der Rebellen vermuteten. Guerillakommandos und Militärs versetzten die Bevölkerung wechselseitig in Angst und Schrecken. Gemeindemitglieder verschwanden von einem Tag auf den anderen, andere wurden verhaftet und gefoltert. Es war ein Krieg der wie in El Salvador ganze Generationen geprägt und die Gewalt und das Leid tief ins Bewusstsein der Menschen eingebrannt hatte. Wie bereits berichtet hat auch Guatemala bis heute ein großes Problem mit der Alltäglichkeit und der Normalisierung der Gewalt. Die Maras, organisierte Jugendbanden drängen immer mehr auch nach Guatemala Stadt vor und verdienen sich den Lebensunterhalt mit Erpressungen und Überfällen. Die Drogenkriminalität ist das zweite große Problem. Die guatemaltekische Drogenmafia ist ein wichtiges Glied in der Schmugglerkette zwischen Kolumbien und Mexiko, bevor die Ware in die USA und nach Europa „exportiert“ wird, und geht bei ihren Aktionen regelmäßig über Leichen. Auch das finstere Kapitel der staatlichen Repression im Bürgerkrieg ist noch nicht geschlossen. Erst vergangene Woche wurde der Prozess gegen einen guatemaltekischen Exdiktator, in dessen Verurteilung die ganze Hoffnung von Menschenrechtsverteidigern und Bevölkerung lag, für ungültig erklärt. Auch dieses Land hat noch einen langen Weg zu gehen, hin zu einem anhaltenden, echten Frieden.







Am Samstagvormittag sind wir eingeladen bei einer Untergruppe der Gemeinde, die sich „pequeñas comunidades“ (kleine Gemeinschaften) nennen. Junge und alte treffen sich in diesem Kreis einmal im Monat um gemeinsam etwas für die ärmsten und benachteiligten Dorfbewohner zu tun. Wir reihen uns ein in die bunte Runde. Auf dem Boden ist ein kunstvoll verzierter Maya-Altar aufgebaut. Marcos, ein Bruder von Katti und Pedro, bei deren Familie wir zwei Tage zuvor zu Mittag gegessen hatten, gibt uns eine Einführung. Er erklärt uns die Symbolik des Altars, die Blumen die das Wachsen und Gedeihen im Leben und in Gemeinschaft bedeuten und die Kerzen. „Für uns in der Maya-Kultur sind unsere Vorfahren nicht im Himmel oder irgendwo an einem anderen Ort“, erklärt er. „Sie sind hier bei uns und mit uns, überall. Wir sprechen zu ihnen und sie zu uns.“ Jeder Tag habe einen bestimmten Schutzgeist, „Nahual“ genannt, fährt er fort. An diesem Tag rufen wir gemeinsam den Nahual Kawok, den Geist des Sonnenstrahls an. Marcos erzählt uns auch von dem Gott der Maya, der ja auch der Gott der Christen sei, denn schließlich gebe es ja nur einen. Er lächelt und bemerkt, dass der Maya-Gott übrigens auch so eine Art Dreifaltigkeit hat. Er tritt in drei verschiedenen Personen auf, dem Quetzal, Guatemalas Wappenvogel, der Schlange, mit einer positiven Bedeutung und der Luft, dem Hauch des Lebens. Nichts scheint sich hier zu widersprechen, alles zu passen. Nach einem gemeinsamen Gebet auf Quiché teilen wir uns in vier Gruppen auf, um Zeit zu sparen, da noch einige Aktivitäten an diesem Tag anstehen. Ich gehe mit Pedro und drei anderen Jungs. Da unser Ziel wohl recht weit entfernt liegt holt Pedro seinen alten Toyota Pickup und wir steigen bepackt mit Lebensmitteln, wie Reis, Bohnen, Zucker und Salz auf die Ladefläche. Etwa zehn Minuten dauert die Fahrt über die von Häusern gesäumte, kurvige Piste durch das Hügelland bis wir an einem kleinen Kiefernwäldchen angelangt sind. „Hier hört die Straße auf“, ruft Pedro und wir steigen ab. Ein kleiner Pfad führt uns durch den Wald vorbei an kleinen Maisäckern, bis wir schließlich nach weiteren fünfzehn Minuten eine bescheidene Hütte erreichen. Hier wohne Don Manuel, erklärt man mir. Der Mann gut in den Vierzigern ist seit Monaten schwer krank und ans Bett gefesselt. Seine Frau ist seit Jahren verstorben, seitdem kümmerte er sich alleine um seine drei minderjährigen Töchter. Jetzt kümmern sich seine Töchter um ihn, eine Tante die in der Nachbarschaft wohnt unterstützt sie dabei. Wir klopfen an. Ein etwa zwölfjähriges Mädchen öffnet uns und bittet uns herein.  Im Innenhof ist ein weiteres Mädchen mit dem Wäschewaschen beschäftigt. Zwei Hunde tollen zwischen den Töpfen und Kübeln herum. Das Mädchen das uns die Türe geöffnet hatte bedeutet uns ins Haus zu kommen. Wir treten in den einzigen dunklen Raum, der nur schwach von einer Feuerstelle erleuchtet wird. Als sich meine Augen an das dämmerige Licht gewöhnt hatten entdecke ich in der Mitte des Raumes, unmittelbar neben der Feuerstelle ein Bündel. Don Manuel liegt eingewickelt in mehrere Decken, schwer atmend auf dem Fußboden. Er nimmt uns zunächst kaum wahr. Pedro und seine Freunde sind bereits öfter hier gewesen und kennen ihn. Pedro wendet sich mit lauter Stimme an den Mann und stellt uns vor. Er scheint kaum zu hören. Das Mädchen nimmt dankbar die Lebensmittelspende entgegen und die Jungs sprechen mit ihr auf Quiché. Die Wände sind geschwärzt vom Ruß der Feuerstelle. Der Rauch zieht durch eine Öffnung in der Decke ab. Da Don Manuel offiziell der freikirchlich evangelischen Gemeinde angehört und hier im Dorf unterschiedliche religiöse Anschauungen respektiert werden, fragt Pedro ob er es wünscht, dass wir gemeinsam ein Gebet sprechen. Mit einem kaum merklichen Nicken stimmt er zu. Wir stellen uns im Kreis auf und bitten auf Quiché für seine Gesundheit, für seine Töchter und, dass ihnen nichts fehlen möge. In ein abschließendes Vaterunser mischt sich das beschwörende Gemurmel auf Quiché der übrigen Anwesenden, eine ergreifende Stimmung. Bevor wir uns verabschieden beuge ich mich zu Don Manuel hinunter, knie mich an seine Seite und reiche ihm die Hand. Er wendet mir den Kopf zu und mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Hatte ich den Blick eines alten, lebensmüden Mannes erwartet, blicke ich in Augen die vor Leben glühen, jung, voller Schmerzen, Angst und zugleich hoffnungsvoller Dankbarkeit. Eine Begegnung von unbeschreiblicher Tiefe. Das Aufeinandertreffen zweier Leben wie sie unterschiedlicher kaum sein können an diesem Ort, und die sich doch in der Stille des Augenblicks ganz zu verstehen scheinen.
Auf dem Rückweg erzählt mir Pedro, dass im Dezember zum Ende der Erntezeit alle im Dorf bereits den Mais eingebracht hatten, auf dem Acker von Don Manuel die Kolben noch unangetastet in der Sonne trockneten. Er hatte nicht die Kraft das Haus zu verlassen. Eine Gruppe von jungen Männern um Pedro und Marcos ernteten die milpa für ihn ab und brachten ihm das lebensnotwendige Korn auf den Hof. Ohne solidarische Zusammenarbeit ist ein Überleben hier kaum möglich. Keiner weiß, wann er vielleicht einmal in einer Situation ist, in der er auf die Hilfe der Gemeindemitglieder angewiesen ist. Ich frage, ob man Don Manuel denn nie zu einem Arzt gebracht hätte. Er wäre vor Monaten wohl einmal beim Arzt gewesen, aber die Familie habe kein Geld um ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Man könne lediglich ab und zu neue Medikamente kaufen.







Am Nachmittag, dem letzten hier in Chwikaqá, zieht es mich wieder auf die Plaza. Ich setze mich auf meine Stufe und bekomme gleich darauf Gesellschaft von Maria, einem zwölfjährigen Mädchen, das mir die Tage immer wieder gefolgt war und sich stets halb schüchtern, halb aufgeweckt mit mir unterhält. Wenig später gesellt sich ein älterer Mann zu uns. Er stellt sich vor als Don Andrés, 81 Jahre alt. Er hat sein ganzes Leben in Chwikaqá gelebt, hier geheiratet, 9 Kinder groß gezogen. Nun bleibe ihm nicht mehr lange, aber das sei in Ordnung, fügt er lächelnd hinzu. Er fragt mich wo ich her komme, wo Deutschland liege, wie denn die fünf Kontinente hießen, ob El Salvador auch in Mittelamerika sei. Erhört mir aufmerksam zu und erzählt mir dann von früher, als hier noch keine Autos fuhren, als vor 70 Jahren Missionare von außerhalb kamen und ihnen Religionsunterricht und anderes Wissen gaben. Er hatte sein Leben lang auf dem Feld gearbeitet, nichts fehlte ihm.
Als die Sonne den Horizont über den Hügeln berührte brach die Menschenmenge, die sich wieder nach und nach auf der Plaza angesammelt hatte, langsam auf. Es ging auf die freie Fläche, wo man tags zuvor die Kreuzigung mitverfolgt hatte und wo an diesem Abend das Osterfeuer entzündet werden sollte. Hoch schlugen bereits die Flammen die sich gierig in die trockenen Scheite bissen und im Christentum das neue Leben symbolisieren. Begleitet von einer Folklore-Musikgruppe entzündet Agustín die Osterkerze und gibt das Licht an die Gemeindemitglieder weiter. Von Kerze zu Kerze breitet sich das Osterlicht in der Dunkelheit bald aus wie ein leuchtender Teppich, der sich freudig singend Richtung Ortszentrum in Bewegung setzt. Die Osternachtfeier wird wieder komplett auf Quiché gehalten. Es ist einer der Höhepunkte der Woche. Die Kerzen in der dunklen Kirche, die geheimnisvoll schimmernden Farben, die von einem harten Leben gezeichneten und schon vertrauteren Gesichter, die melodischen Gesänge, ich bekomme Gänsehaut.

Das Osterfest kann nicht zu Ende gehen ohne eine letzte Prozession. Früh am Sonntagmorgen ist der Dorfplatz bereits wieder gefüllt mit Menschen aus den verschiedenen umliegenden Ortschaften. Diesmal streng getrennt nach Geschlechtern. Langsam entfernt sich die Gruppe der Frauen in die Dorfstraße hinab, voraus hoch über den Köpfen die Virgen Dolorosa, die Schmerzensmutter, an diesem Tag in einem weißen Freudenkleid. Die Männer tragen die aufrechte Figur des auferstandenen Christus bedächtig in die entgegengesetzte Richtung. Die Gesänge der beiden Gruppen verlieren sich nach und nach in der morgendlichen Brise. Ich folge den Männern durch die Gassen und um hundert Wegbiegungen. Irgendwann kommen wir zurück auf die Plaza und fast wie abgesprochen erreicht die Gruppe der Frauen den Platz im selben Moment. In der Mitte des Platzes treten sich Maria und Jesus gegenüber, die Marienstatue verneigt sich vor ihrem auferstandenen Sohn, Symbolik pur, die Menschen sind ergriffen und auch mir stockt der Atem. Ein schöner Brauch, der einem Ostern in seinem Ursprung sehr nahe bringt. Nach dem feierlichen Ostergottesdienst versammelt sich die gesamte Gemeinde auf der Plaza in einem großen Kreis. Jede Familie breitet Teppiche mit Gefäßen, Tüten und Körben vor sich aus. Es ist hier Brauch am Ostermorgen das Saatgut für die unmittelbar bevorstehende Aussaat zu segnen. Jeder hatte einen Teil der letzten Ernte zurückbehalten um die gelben und schwarzen Maiskörner, die Bohnen in diesem Jahr wieder auszusäen und für eine gute Ernte, von der hier oben immer noch das Überleben abhängt, zu beten. 






Nach der Zeremonie heißt es langsam Abschied nehmen. Abschied von Chwikaqá, von Menschen die uns so herzlich und wie selbstverständlich in ihrer Gemeinschaft aufgenommen hatten, Menschen die ein so anderes, so viel einfacheres und auf andere Art so viel schwereres Leben führen und von deren Gesicht niemals dieses Lächeln zu verschwinden scheint. Abschied von der kleinen Maria, die uns traurig hinterherwinkt, von Doña Juana, einer außerordentlichen Frau von 78 Jahren, die uns in diesen Tagen bekocht hatte, von Don Andrés, von Pedro. Abschied von Juan, seiner Frau Sandra, den Kindern Andrés, Gaspar, Isabel, Antonio, David, Jonas, von Candelaria, an deren Familienleben ich in diesen Tagen teilhaben durfte. Abschied von dieser anderen Welt, die unverwüstlich alle Stürme der Zeit zu überstehen scheint und in der doch beständig der Wind des Wandels weht. Eine Welt und eine Kultur die vor großen Herausforderungen steht in dieser Generation und von der so vieles zu lernen ist. Abschied vom Quiché, diesem wunderschönen und ewigen Hügelland der Maya.
Ächzend schiebt sich der VW Polo durch eine Talsenke nach der anderen. Die nackte Staubpiste kleidet sich bald wieder mit Asphalt, die Luft wird dicker und feuchter, Busse jagen einander hupend hinterher. Stunden später sehne ich mich nur noch nach einer kalten Dusche. Ich weiß ich bin zurück in meinem kleinen Leben, das mit dieser Woche ein kleines Stückchen größer geworden ist, ein Straßenzug von der UCA entfernt in San Salvador.









Freitag, 26. April 2013

Guatemala, ewiges Land der Maya (Teil 4)

Ich muss den Kopf einziehen als ich über die schmale Türschwelle trete. Im Inneren der Kammer ist es halbdunkel, an der Wand ist ein reich geschmückter Altar aufgebaut, darüber hängen Fotographien der Familie. Don Juna, einer der vielen Juans in Chwikaqá, weit in seinen Achtzigern, erwartet uns zusammengesunken auf einem Stuhl. An diesem Vormittag wollen wir einige der ältesten und kranken Dorfbewohner besuchen, die aufgrund ihrer körperlichen Verfassung kaum noch das Haus verlassen und schon gar nicht den Weg ins Dorfzentrum zur Feier der Kartage gehen können. Der andere Juan sowie ein weiteres Gemeindemitglied, die uns auf den Besuchen begleiten, stellen uns der Familie vor. Alle freuen sich sehr über die Überraschung. Der alte Mann leidet an einer vermutlich rheumatischen Erkrankung und hat starke Schmerzen in den Gliedmaßen, er kann kaum laufen. Dennoch hat er ein Lächeln auf dem Gesicht und dieses magische Leuchten in den Augen, das mir hier noch häufiger begegnen soll. Spanisch spricht er kaum, weshalb Juan (der Gemeindekoordinator, in dessen Familie ich wohne) alles auf Quiché übersetzt. Agustín spendet ihm die Krankenkommunion und wir werden gebeten für den Kranken zu beten. Jeder solle zunächst in seiner Muttersprache beten und danach auf Spanisch, was wiederum von Juan ins Quiché übersetzt wird. Wir bitten um Gesundheit, um Frieden und Harmonie in der Familie, eine gute Ernte, alles was man hier zum Leben braucht. Wir beten auf Spanisch, Deutsch, Kroatisch, Quiché. Alles ist gut, keine Fragen nach der Form, nach dem Gott, der Religion. Die Welt wird eine in diesem Land der Maya. Der alte Juan hat Tränen in den Augen. 
Die Familie ist sehr dankbar und man serviert uns, wir trauen unseren Augen kaum, Pan panela und Atol de maza. Immernoch gefüllt von dem dreifachen Frühstück schlürfen wir den warmen Maisbrei aus und knabbern mühevoll am Brot. Den Rest lassen wir uns einpacken, denn die Gabe zurückzuweisen wäre unhöflich. Wir verabschieden uns machen uns auf den Weg zum nächsten Haus. Wir wiederholen die Zeremonie im Haus eines blinden Mannes von angeblich 95 Jahren (der Umgang mit Zahlen allgemein ist in diesen Dorfgemeinschaften oft recht kreativ und symbolisch).
Auf dem Rückweg in den Ortskern, über steile und steinige Pfade vorbei an fruchttragenden Apfel- und Pfirsichbäumen und begleitet vom Blöken der Schafe und Ziegen beginnt es uns zu dämmern. Es ist bereits nach 12 Uhr, früher oder später wird es Mittagessen geben. Ich konnte in diesem Moment nicht einmal ans Essen denken. Musste ich auch nicht denn ehe ich mich versah fand ich mich im Haus der Familie von Pedro und Katti, zwei der Jugendlichen des Dorfes wieder, und hatte einen Teller voller Reis mit Bohnen und Salat vor mir. Eigentlich hatte ich nicht vor soviel von Essen zu schreiben, aber es ist einfach die Haupttätigkeit an diesem Tag. Glücklicherweise ist es sehr sehr lecker und die Familie einfach der Knüller. Die Eltern betreiben mehrere Läden im Ortskern von Chwikaqá und die Kinder studieren teilweise an der Uni in Santa Cruz. Es ist eindeutig eine der besser gestellten und gebildeteren Familien der Gemeinde. Alle sprechen einwandfrei Spanisch, kennen das Leben in der Stadt und haben obendrein einen köstlichen Humor. Tat der Bauch nicht ohnehin schon vor Fülle weh, so schmerzt er spätestens jetzt von Lachen. Trotz der Aufgeschlossenheit legen alle in der Familie großen Wert auf die Bewahrung ihrer Kultur. Die Frauen tragen selbstverständlich die Maya-Tracht und zahlreiche Familienmitglieder sind im Kulturkommitee der Gemeinde engagiert. 




Zurück im Gemeindezentrum, der Unterkunft von Agustín, Estela und Mariza, geht nichts mehr. Erschöpft fallen wir auf das Matrazenlager, müde vom Essen, den Begegnungen, den Wegen, aber glücklich. Die siesta ist unvermeidlich. Viel ist an diesem Tag nicht mehr mit uns anzufangen und glücklicherweise ist für den Nachmittag auch nichts mehr geplant. Zwei Stunden später, erfrischt und noch halb benommen, versammeln wir uns auf der Terasse und schlürfen nach alter argentinischer Tradition einen heißen Mate. Agustín und Estela sind, wie vermutlich jeder echte Argentinier, förmlich süchtig nach diesem bitteren und belebenden Kräutergetränk und schleppen das yerba mate kiloweise bis ans Ende der Welt. Und ich muss sagen hier in der späten Nachmittagssonne mitten im Hochland des Quiché kann man direkt auf den Geschmack kommen.
 Ich brauche Luft und Ruhe. Seit ich hier bin habe ich die Menschen beobachtet, die sich allein oder in kleinen Grüppchen an den Rand des Dorfplatzes setzen, um das Neueste auszutauschen oder einfach zu schweigen. Ich bin neugierig und will es ihnen gleich tun. Ich setze mich auf die untersten Stufen des Marktgebäudes, blicke in die langsam sinkende Sonne und lausche dem unverständlichen Gemurmel der Menschen. Ich werde eins mit dem Platz, den Bergen, der Menschheit, der Sonne, der Erde. Ein Geheimnis, das ist Maya.
Langsam füllt sich der Dorfplatz. Auf vollbeladenen Pickups kommen Bewohner der umliegenden Dörfer an, die in Chwikaqá die Kartage mitfeiern wollen. Die Abendsonne lässt die wunderschönen Trachten der Maya Frauen in sanftem Gold erstrahlen. Gemeinsam mit den ruhigen Klängen aus einer Musikanlage lässt sie die Plaza in einer einzigartigen Melancholie versinken. 
Ich schrecke hoch als die Soldaten im Stechschritt die Plaza betreten. Im Licht der Fackeln glänzen ihre Helme. Sie suchen einen Jesus von Nazaret, finden ihn im Kreis seiner Jünger und verhaften ihn begleitet vom Gebrüll der Menge. Wie in vielen Gemeinden Lateinamerikas, hatten die Jugendlichen eine Darstellung der Passion Christi vorbereitet. Die Idee war es, kleine Episoden zu präsentieren, entsprechend dem jeweiligen Tag. Heute Abend stand neben der Gründonnerstagsmesse das letzte Abendmahl und die Verhaftung im Garten von Gethsemane an. Waren die Dorfbewohner zunächst skeptisch gegenüber diesem Pilotprojekt der Jugendgruppe, stockt ihnen bald der Atem und sie werden mitgerissen im Strudel der Geschichte. Nach der Messe mit Fußwaschung sollte es eine zweistündige eucharistische Anbetung in der Kirche geben. Da dies nicht gerade meine bevorzugte Form der Spiritualität ist, ziehe ich es vor auf dem Platz vor der Kirche einen warmen Apfelpunsch zu trinken. Es ist bereits wieder sehr kalt. Ich sauge diese Momente mit den Kindern, den Señoras und Señores auf der spärlich beleuchteten Plaza, die Gespräche, die Farben, das Lachen förmlich in mich auf. Wer weiß wann sie wieder kommen.
An diesem Abend schlafe ich gut ein, schlafe tief und weiß ich bin ein Teil vom Einen.



Freitag, 19. April 2013

Guatemala, ewiges Land der Maya (Teil 3)


"Tock, tock, tock..." Kräftig klopft es an die Zimmertüre. "Sie können jetzt aufstehen!", ich erkenne die freundliche Stimme von Juan wieder. Ich drehe mich um. Durch die schmalen Ritzen über der Tür fallen einzelne, verirrte Lichtstrahlen ins Zimmer. Draußen ist es schon hell. Ich winde mich unter den paar Lagen Wolldecken hervor, richte mich auf und trete ins Freie. Im Innenhof herrscht bereits reges Treiben. Die beiden Kleinsten jagen vergnügt die Küken im Kreis, zum Verdruss der Henne, und Andrés widmet sich am Waschtisch mit nacktem Oberkörper der Morgentoilette. Als ich selbst nach dem Wasser greife, gefriert mir fast das Blut in den Adern. Andrés lacht. Auch in der Küche hat das Tagesgeschäft bereits begonnen. Im Ofen prasselt bereits ein vielversprechendes Feuer. Isabel und Candelaria gehen Mutter Sandra zur Hand und lächeln mich schüchtern an als ich eintrete. "Saq' ariq! (Guten Morgen) Haben Sie gut geschlafen?" Das habe ich. Heute ist Gründonnerstag. Wie mir Andrés erklärt ist es an diesem Tag Brauch ein bestimmtes Brot zuzubereiten. Das pan panela ist ein rundes Maisbrot, das in warmen Zuckerrohrsirup getaucht und eingeweicht wird. Die panes werden dann jeweils auf einem Teller vom erstgeborenen der Familie an die Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder verschenkt. Andrés bedeutet mir mitzukommen. Wir verlassen das Haus durch die Hintertür und treten auf einen schmalen Pfad. Der Himmel ist blau, keine Wolke weit und breit. Ich atme tief ein. Die frische, kühle Bergluft flutet meine Lungenflügel bis in den letzten Winkel. Ich bin wach. Obwohl es erst 7 Uhr ist, ist bereits recht viel Leben auf den Straßen. Eine ältere Frau fegt ihren Hauseingang, eine Horde Kinder läuft kichernd um die Wette, zwei junge Frauen balancieren elegant große Tongefäße auf ihren Köpfen. Das Sirupkännchen in der Hand folge ich Andrés um zwei Wegbiegungen, bis wir vor einem Haus stehenbleiben. "Hier wohnt mein Onkel mit seiner Familie.", erklärt er mir. Wir werden bereits erwartet und grüßen mit einem freundlichen „Uz nimaq ij“ (Frohes Fest). Wir übergeben das Brot und den Sirup an die Señora des Hauses und bekommen im Gegenzug ebenfalls einen Teller mit Brot. Außerdem bietet man uns eine Tasse heißen „atol de maza“, einen ungesüßten, dickflüssigen Maisbrei, an, der weniger ein Getränk als eine vollwertige Mahlzeit zu sein scheint. Wir bleiben ein Weilchen unterhalten uns und verabschieden uns bald wieder. Es geht zurück nach Hause, wo Mutter Sandra und die Mädchen bereits den nächsten Teller Brot vorbereitet haben. Weitere Häuser warten bereits. Das Haus der Großmutter, der Cousine, des Onkels. Überall wird das pan panela freudig ausgetauscht, das „uz nimaq ij“ euphorisch erwidert. 

Doña Sandra bereitet das pan panela zu


Mit Andrés unterwegs zu den Nachbarn


Auf den Wegen zwischen den einzelnen Stationen erzählt mir Andrés viel über das Dorf, das Leben hier und seine Familie. Früher sei die Luft hier in Chwikaqá sauber gewesen. Mittlerweile sei sie bereits verschmutzt, denn jeden Tag kommen hier auf der Straße Autos vorbei. Ich atme die für meine Verhältnisse reinste Bergluft ein und staune nicht schlecht. Die Natur und ihre Erhaltung haben hier eine existentielle Bedeutung für das Leben der Menschen. Jede Familie lebt von ihrem kleinen Stückchen Ackerland, auf dem sie Mais anbaut, die milpa. Bleibt der Regen zu lange aus, oder regnet es zu früh und zu viel geht die Ernte verloren mit fatalen Folgen für die Menschen. In den vergangen Jahren hat sich das Klima stark verändert, die Regen- und Trockenzeitperioden sind kaum noch vorhersagbar. Ein Phänomen, von dem mir Menschen in verschiedenen Teilen der Welt berichtet haben und das zumeist von der einfachen Landbevölkerung wahrgenommen wird, die unmittelbar vom Klima und seinen Launen abhängig ist. Was die Dorfgemeinschaften hier und anderswo erleben und erleiden kann keine Klimastatistik, kein Akademiker widerlegen und jeder Versuch erscheint angesichts der Realität zynisch. Hier zeigt sich bereits heute und ganz konkret das grausame Gesicht des globalen Klimawandels. Das gibt mir zu denken. Noch nehmen wir in den sicheren Konsumburgen des Nordens dies kaum war, doch die Tage des Erwachens werden kommen und dann wird es vielleicht schon zu spät sein.

La milpa kurz vor der Aussaat


Blick auf das Hochland des Quiché


Eigentlich seien die Menschen hier in Chwikaqá nicht arm, meint Andrés. In Santa María Chiquimula, dem Hauptort des Distrikts, sei dies anders. Es gebe eine Studie von Wissenschaftlern die besagt, dass Totonicapan das ärmste Departement Guatemalas sei und Santa María Chiquimula, eine Autostunde von Chwikaqá entfernt, die Kommune mit der größten Armutsrate in Totonicapan, weiß Andrés. Dort gibt es wenig Arbeit, die Menschen arbeiten auf dem Markt, in kleinen Werkstätten oder wandern in die Stadt ab, es gibt kaum Perspektiven. Hier in Chwikaqá hätten die Menschen noch ihre milpa (kleines Maisfeld) und seien unabhängig, versichert er nicht ohne Stolz in der Stimme. „Und selbst wenn jemand keinen eigenen Acker hat, kann er einen Nachbarn oder Freund um Arbeit auf seinem Feld bitten. Wir helfen uns hier gegenseitig. Wir sind eine große Familie“. Auch Banken gebe es hier nicht, fährt er fort. Seine Familie habe beispielsweise ein Schwein. Ein Ferkel ist hier sehr billig. Ganz nebenbei ziehe man das Schwein im Haus mit Essensresten groß bis man es schließlich verkaufe. „Eine ausgewachsene Sau bringt in etwa 1000 Quetzales [150€], das ist viel Geld!“ Das ‚Sparschwein‘, eine rentable Investition.
Wir erreichen das Haus einer jungen Frau, die uns mit ihrem etwa einjährigen Sohn freudig empfängt. Nach der fast zeremoniellen Übergabe des Brotes und einem kleinen ‚Schwätzle‘ (alemannisch für kurze Unterhaltung) kehren wir nach Hause zurück. Auf dem Weg erzählt mir Andrés, dass dies die Witwe seines Onkels war. „Vor etwa zwei Jahren waren mein Großvater gemeinsam mit dem damals 26 jährigen Onkel zum Arbeiten auf dem Dorffriedhof gewesen, als eine Gruppe von Männern sie überfiel und niederschoss. Großvater war sofort tot. Meinen Onkel brachten wir nach Santa Cruz ins Krankenhaus, doch auch er starb drei Tage später. Seine junge Frau war gerade schwanger mit ihrem ersten Kind.“ Ich bin sprachlos. Selbst vor dieser Abgeschiedenheit, in dieser fernen, schönen, vermeintlich friedlichen Welt macht die Gewalt nicht halt. Ich frage nach einem Warum. Andrés meint, es war vermutlich aus Neid oder Rache. Die Täter flohen nach der Tat, doch man weiß wer es war. Einer der Mörder lebt heute noch in der Gemeinde. Niemand unternahm etwas, keine Anzeige, keine Polizei. Es sei besser so, meint Andrés. Die staatliche Ordnungsgewalt genießt hier keinen guten Ruf und ist weit, weit weg. „Mein Großvater hat 76 Enkel und bis jetzt 24 Urenkel“, fährt er plötzlich heiterer fort. „Als mein Großvater noch lebte versammelten wir uns häufig zu Festen in seinem Haus und feierten manchmal drei Tage lang.“
Als wir schließlich das Haus der Familie wieder erreichen, treffen gerade auch Mariza, Estela und Agustín ein, die zum Frühstück eingeladen sind. Die Kinder haben ihre Schüchternheit verloren und freuen sich über so viel merkwürdigen Besuch am frühen Morgen. Doña Sandra serviert jedem von uns einen voll beladenen Teller pan panela und eine Tasse heißen atol. Ich kämpfe. Für mich ist es bereits das dritte Brot und die dritte Tasse des leckeren aber sehr nahrhaften Maisbreis. Agustín macht sich genüsslich über das vor Sirup triefende Brot her, bald schaut man am Tisch in glückliche und gesättigte Gesichter. Doña Sandra brät währenddessen Spiegeleier und rührt energisch in einem Topf auf der Feuerstelle. Agustín fragt sie interessiert: „Kochen Sie für das Mittagessen?“ Die Frau lacht herzhaft: „Nein! Das ist das Frühstück.“ Uns allen fällt die Kinnlade herunter. Frühstück? Ehe wir uns versehen hat jeder einen Teller mit Bohnen, Ei und Chili vor sich. „Das Brot war doch nur eine Zeremonie“, erklärt uns Juan lachend, „jetzt gibt’s Frühstück!“ Weitere 15 Minuten später kann ich mich kaum mehr bewegen. Ich lasse die letzte Tasse Maisbrei halbvoll stehen, es geht einfach nicht mehr. Halb lachend, halb weinend vor Bauschmerzen danken wir der Familie für die die Einladung und machen uns gemeinsam mit Juan und Andrés schwerfällig aber voll freudiger Erwartung auf den Weg in den Ortskern, wo heute einige Aktivitäten anstehen.